Seit 2016 hat sich die Rehabilitationslandschaft im Kindes- und Jugendalter stark verändert. Im Gegensatz zu früheren Zeiten werden heute Begleiteltern deutlich stärker in den Rehabilitationsprozess ihrer Kinder eingebunden. Psychische und psychosomatische Erkrankungen führen zahlenmäßig inzwischen die Indikationsliste an. Und: Nachsorgeangebote nach der Reha sind mittlerweile verordnungsfähig und deutlich vielfältiger.

Doch bis dahin war es ein langer Weg. Erstaunlich, wie sich die Zeiten doch geändert haben! In den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurden Kinder im Schulalter in der Regel ab sechs Jahren ohne erwachsene Begleitpersonen rehabilitiert. Es war auch nicht selbstverständlich, dass Eltern ihre Kinder in die Klinik begleiteten und wieder abholten. Es gab dafür Reiseorganisationen, die die Begleitung ab Heimatbahnhof zu Rehaklinik und wieder retour übernahmen.

Die Rehabilitation in der Klinik dauerte unabhängig von der Indikation sechs Wochen. Das Therapieangebot war eher unspezifisch, aber klar strukturiert. Schwerpunkte bildeten pädagogische Arbeit, Bewegung und Sport sowie gesunde Ernährung. Psychologische Gespräche, Entspannung, kreative Angebote und Physiotherapie ergänzten den Therapieplan.

Reha-Angebote immer spezifischer

Doch im Zuge der zunehmenden Etablierung spezifischer interdisziplinärer Patientenschulungsprogramme (Asthma, Neurodermitis, Adipositas, Diabetes etc.) erfolgte eine zunehmende Differenzierung der Indikationen. Um jedoch auch unter diesen geänderten Bedingungen eine ausreichende altershomogene Gruppengröße in den jeweiligen Schulungsprogrammen zu haben, waren geänderte Anreisemodi bzw. Spezialisierungen auf wenige Indikationen notwendig.

Im Sinne einer Vergleichbarkeit der Therapiebestandteile der Rehabilitation bei gleicher Indikation zwischen den Kliniken wurden im Auftrag der deutschen Rentenversicherung Reha-Therapiestandards entwickelt, zunächst für Asthma bronchiale, Adipositas und Neurodermitis. In den Therapiestandards spielte seitdem die interdisziplinäre Schulung von Patienten und Eltern eine zentrale Rolle. Die Eltern waren aber zu dieser Zeit zumeist aufgrund ihrer Abwesenheit für die Schulungen kaum erreichbar.

Trend zur Reha mit Begleitperson hält an

Dies änderte sich erst mit dem Inkrafttreten des Flexirenten-Gesetzes zum 1. Januar 2017. In diesem Gesetz boten sich neben der flexiblen Rentenmöglichkeit auch für die Kinderrehabilitation neue Chancen. Durch das Gesetz wurde es möglich, Kinder bis zum vollendeten 12. Lebensjahr regelhaft zu begleiten, ältere Kinder/Jugendliche bei medizinischer Notwendigkeit. In der Folge stieg der Anteil begleiteter Kinder deutlich an, während der Anteil unbegleiteter extrem sank (Abb. 1).

Abb. 1: Anteil der Kinder in einer Kinder-/Jugend-Reha mit und ohne Begleitperson.

Für die Kliniken, die bisher zu einem hohen Prozentsatz unbegleitete Kinder aufgenommen haben, bedeutete dies zum einen, geeignete Unterbringungsmöglichkeiten für Familien zu schaffen. Zum anderen gab es die Möglichkeit, die Familienangehörigen stärker in den Rehabilitationsprozess mit einzubinden. Unterstützt wurde dies seitens der Deutschen Rentenversicherung durch ein Modellprojekt, dass Konzepte unter Einbezug von Begleitpersonen, die dem Eckpunktepapier der DRV entsprachen, finanziell unterstützt wurden. Vor dieser Regelung gab es für Begleitpersonen nur eine geringe Pauschale, die Verpflegung und Unterkunft beinhaltete. Ein Übergang in eine Regelversorgung nach einem einheitlichen Konzept ist geplant.

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Gleichgewichtstraining

Indikationen haben sich stark verändert

Bezüglich der Hauptindikationen stehen mittlerweile psychische Erkrankungen/Entwicklungsstörungen mit rund einem Drittel aller Indikationen an erster Stelle, gefolgt von Atemwegserkrankungen (jede 5. Indikation für eine Reha) und Stoffwechselerkrankungen (jede 7. Indikation). Damit hat sich das Indikationsspektrum in den vergangenen Jahren drastisch gewandelt – deutlich stärker hin zu psychischen oder psychosomatischen Indikationen (Abb. 2).

Abb. 2: Indikationsspezifische Aufteilung durchgeführter Maßnahmen im Rahmen von Kinder-/Jugend-Rehas (DRV) 2024 (n= 32.222).

Ambulante Reha spielt geringe Rolle

Im Gegensatz zur Erwachsenenrehabilitation, in der ambulante Rehabilitionsmaßnahmen einen immer größer werdenden Anteil einnehmen, spielen diese im Kindes- und Jugendalter kaum eine Rolle. Das hat verschiedene Ursachen. Seitens der Deutschen Rentenversicherung (DRV) werden ca. 30.000 Rehabilitationen bei Kindern/Jugendlichen bei insgesamt ca. 1 Million Rehabilitations-Maßnahmen jährlich erbracht. Da in der Rehabilitation indikationsspezifische Gruppentherapien überwiegen, müssen bei Kindern auch noch die Altersgruppen berücksichtigt werden. Die notwendigen Gruppenstärken kommen somit aufgrund der geringen Zahl der Reha Anträge bei Kindern und Jugendlichen im ambulanten Bereich so gut wie nie zustande. Hinzu kommt: Während Erwachsene von der Arbeit befreit sind, kann auf einen Schulbesuch bei Kindern und Jugendlichen nicht verzichtet werden. Zudem ist die Begleitung der Kinder während der Rehabilitation neben der Haushaltsführung und der evtl. Betreuung weiterer Kinder ein Problem. So wurden im Jahr 2024 deutlich weniger als 1 % der Rehabilitationen von Kinder und Jugendlichen ambulant durchgeführt.

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Musik – und damit Schule mal anders.

Deutlich bessere Nachsorge-Optionen

Eine erfreulich positive Entwicklung gibt es bei den Nachsorgeangeboten nach stationärer Rehabilitation bei Kindern und Jugendlichen. Multimodale Nachsorgeangebote gibt es vor allem im Schwerpunkt Adipositas an wenigen Standorten. Als unimodale Nachsorge können aber alle von der GKV anerkannten Therapieangebote erbracht werden, wie Psychotherapie, Ergotherapie, Sprachtherapie und Ernährungsberatung. Die Verordnung kann während der Rehabilitation zu Lasten der DRV erfolgen, sofern diese Rehabilitationsträger ist.

Die Fotos in diesem Artikel zeigen typische Situationen der Kinder- und Jugendreha.


Autor:
Dr. med. Gerd Claußnitzer
Bis Ende April 2026 Chefarzt der Klinik für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene der Spessart-Klinik Bad Orb GmbH


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (5) Seite 394-396