Autismus, Entwicklungsstörungen, komplexe Mehrfachdiagnosen: Der Versorgungsbedarf in SPZ nimmt zu, ohne dass Personal- und Finanzierungsstrukturen Schritt halten. Die bundesweite Strukturdatenerhebung 2027 kann die tatsächliche Versorgungssituation sichtbar machen, Diskrepanzen aufzeigen und zu notwendigen Veränderungen anstoßen.
Die Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) versorgen eine stetig wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen mit komplexen Entwicklungs-, Verhaltens- und Behinderungsproblemen – und das mit vergleichsweise minimalem Mitteleinsatz. Dennoch bleibt die sozialpädiatrische Versorgung gesundheitspolitisch chronisch unterfinanziert. Die Ergebnisse der bundesweiten Strukturdatenumfrage machen deutlich: Ohne politische Kurskorrekturen drohen weitere Engpässe in einem Versorgungssystem, das bereits heute an seine Grenzen stößt.
Die nächste Strukturdatenumfrage wird auf Grundlage der Daten des 4. Quartals 2026 ausgewertet. Der standardisierte Onlinefragebogen soll den Einrichtungen Anfang 2027 zur Verfügung gestellt werden. Die letzten validen Daten liegen aus dem Jahr 2022 vor. Eine hohe Beteiligung aller SPZ bei dieser Neuauflage der Strukturdatenerhebung ist dabei weit mehr als eine statistische Formalie: Sie ist Voraussetzung dafür, Fehlentwicklungen im Versorgungssystem sichtbar zu machen und gesundheitspolitischen Handlungsdruck zu erzeugen.
Zwei Jahrzehnte Datenerhebung: viele ungelöste Probleme wurden so transparent
Seit der ersten papierbasierten Erhebung im Jahr 2001 dokumentieren die Strukturdatenumfragen die Entwicklung der SPZ-Landschaft in Deutschland. Bereits im Zusammenhang mit dem ersten Altöttinger Papier wurde deutlich, dass sozialpädiatrische Versorgung nur unter klar definierten strukturellen Rahmenbedingungen dauerhaft funktionieren kann.
Mit der Professionalisierung der Datenerhebung – insbesondere seit Einführung standardisierter Onlineerhebungen ab 2014 – stehen heute belastbare Daten zur Verfügung. Diese zeigen jedoch nicht nur Fortschritte, sondern vor allem eine zunehmende Diskrepanz zwischen Versorgungsauftrag und realen Ressourcen. Die Politik kann sich daher nicht auf fehlende Daten berufen. Die Problemlage ist seit Jahren bekannt – Konsequenzen bleiben jedoch vielfach aus.
Steigende Fallzahlen bei stagnierenden Strukturen
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Im Jahr 2022 wurden bundesweit rund 712.000 Quartalsfälle in SPZ behandelt, entsprechend etwa 466.000 Kinder und Jugendliche pro Jahr. Damit werden jährlich rund 3,5 % aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland in einem SPZ versorgt.
Zugleich steigen die Fallzahlen kontinuierlich weiter. Viele Einrichtungen arbeiten längst an ihrer Belastungsgrenze. Anmeldelisten, Priorisierungssysteme und verlängerte Wartezeiten gehören inzwischen vielerorts zum Alltag. Besonders betroffen sind 4- bis 12-Jährige und Patientinnen und Patienten mit weniger offensichtlicher, aber dennoch erheblicher Beeinträchtigung.
Die Entwicklung ist gesundheitspolitisch brisant: Während die Nachfrage nach multiprofessioneller Versorgung steigt, wachsen Personal-, Raum- und Finanzierungsstrukturen nicht im gleichen Maße mit.
Autismus, Entwicklungsstörungen und komplexe Mehrfachdiagnosen nehmen zu
Besonders deutlich zeigt sich der Versorgungsdruck im veränderten Diagnosespektrum. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Verdacht auf oder gesicherter Autismus-Spektrum-Störung ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Die Diagnosegruppe F84 rückte in der Häufigkeitsstatistik von Rang 13 im Jahr 2014 auf Rang 7 im Jahr 2022 vor.
Diese Entwicklung ist keineswegs nur Ausdruck verbesserter Diagnostik. Vielmehr zeigt sie den real steigenden Bedarf an differenzierter multiprofessioneller Abklärung und langfristiger Begleitung. Gleichzeitig bleibt die Zahl spezialisierter Versorgungsangebote vielerorts unzureichend.
Hinzu kommt die hohe Komplexität der behandelten Fälle: Durchschnittlich vier Diagnosen pro Patientin oder Patient verdeutlichen, dass SPZ keine "Spezialsprechstunden", sondern hochkomplexe interdisziplinäre Versorgungseinrichtungen sind.
Versorgung zum Niedrigpreis – auf Kosten der Zukunftsfähigkeit
Besonders bemerkenswert ist das Missverhältnis zwischen Versorgungsleistung und Finanzierung. Für die Versorgung von knapp einer halben Million Kindern und Jugendlichen wurden von der GKV im Jahr 2022 lediglich rund 314 Millionen Euro aufgewendet – nur etwa 0,09 % der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung.
Kaum ein anderer Bereich des Gesundheitswesens erreicht mit einem derart geringen Mitteleinsatz eine vergleichbare Versorgungsrelevanz. Dennoch bleibt die Finanzierung vieler SPZ prekär.
Vor allem die Finanzierung nichtärztlicher Leistungen nach § 43a SGB V ist bundesweit uneinheitlich, sicher unzureichend und in vielen Regionen sogar rückläufig. Gerade jene multiprofessionellen Leistungen, die das Kernmerkmal sozialpädiatrischer Versorgung darstellen, werden damit strukturell benachteiligt.
Die Folgen sind längst sichtbar: vermindertes Stellenangebot für Fachkräfte, begrenzte Therapieangebote und zunehmende wirtschaftliche Unsicherheit vieler Einrichtungen.
Personalmangel und Teilzeitfalle
Die SPZ sind personalintensive Einrichtungen. Rund 85 % der Einnahmen fließen unmittelbar in Personalkosten. Gleichzeitig verändert sich die Arbeitsrealität im Gesundheitswesen grundlegend: Teilzeitmodelle nehmen zu, qualifiziertes Fachpersonal ist schwer zu gewinnen und die Interdisziplinarität somit minimiert.
Im Jahr 2022 arbeiteten in 161 SPZ bundesweit etwa 4.200 Vollzeitäquivalente. Angesichts steigender Patientenzahlen ist bereits heute absehbar, dass diese Personalkapazitäten künftig nicht ausreichen werden.
Besonders problematisch ist der Mangel an spezialisierten Fachkräften wie Neuropädiaterinnen und Neuropädiatern, psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen sowie therapeutischen Berufsgruppen. Ohne gezielte politische Fördermaßnahmen droht hier eine weitere Verschärfung.
Die ungelöste Transition: Versorgungslücke beim Übergang ins Erwachsenenalter
Jährlich erreichen etwa 8.000 bis 9.000 SPZ-Patientinnen und -Patienten die Volljährigkeit. Für viele endet damit nicht nur die Betreuung im SPZ, sondern häufig auch eine strukturierte multiprofessionelle Versorgung insgesamt.
Der Ausbau Medizinischer Zentren für Erwachsene mit Behinderung (MZEB) verläuft bislang deutlich zu langsam. Besonders schwer betroffene junge Erwachsene geraten dadurch in Versorgungslücken mit erheblichen sozialen und gesundheitlichen Folgen.
Die Transition für diesen Personenkreis bleibt damit eines der größten ungelösten Strukturprobleme der sozialmedizinischen Versorgung in Deutschland.
Infrastruktur am Limit
Neben Finanzierungslücken beim Personal geraten zunehmend auch die räumlichen Kapazitäten an ihre Grenzen. Zahlreiche SPZ arbeiten seit Jahrzehnten in Gebäuden, die für die heutigen Patientenzahlen nicht ausgelegt sind. Erweiterungen oder Modernisierungen scheitern häufig an fehlender Finanzierung.
Fördermittelprogramme wurden vielerorts reduziert oder eingestellt, während die reguläre Vergütung notwendige Investitionen nicht abbildet. Damit wird die Zukunftsfähigkeit der Einrichtungen zunehmend durch die GKV gefährdet.
Die Strukturdatenumfrage zeigt seit Jahren konsistent dieselbe Entwicklung: steigender Versorgungsbedarf, zunehmende Komplexität der Fälle, wachsende Belastung der Einrichtungen und gleichzeitig strukturell unzureichende Finanzierung.
Die sozialpädiatrische Versorgung gehört zu den effizientesten Bereichen des Gesundheitswesens. Dennoch wird sie gesundheitspolitisch häufig nachrangig behandelt. Angesichts der gesellschaftlichen Bedeutung frühzeitiger Diagnostik und multiprofessioneller Förderung ist diese Entwicklung kurzsichtig – medizinisch, sozialpolitisch und volkswirtschaftlich.
Die kommende Datenerhebung 2027 bietet erneut die Chance, die tatsächliche Versorgungssituation sichtbar zu machen. Entscheidend wird jedoch sein, ob aus diesen Daten endlich politische Konsequenzen gezogen werden. Ohne substanzielle Verbesserungen bei Finanzierung, Personalgewinnung und Infrastruktur droht eine schleichende Überlastung eines Versorgungssystems, das für hunderttausende Kinder und Jugendliche unverzichtbar ist.
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Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (4) Seite 304-305
