Nur 28 % der Kinder und Jugendlichen berichten, dass Ärzte bei ihrem letzten Besuch vorwiegend mit ihnen gesprochen haben. Die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) will diese Rate steigern und hat Konzepte vorgestellt, wie eine bessere und insbesondere individuelle Teilhabe von Kindern und Jugendlichen in der Praxis gelingen kann.
Die "forsa – Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH" hatte im Auftrag der Stiftung Kindergesundheit 1.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 17 Jahren sowie deren Eltern gefragt, wie sie den letzten Arztbesuch erlebt haben. Die Ergebnisse sind ausbaufähig: So findet jeder Dritte, dass der Arzt unzureichend erkläre, was untersucht wird, warum eine bestimmte Behandlung angezeigt ist und dass sie noch zu wenig einbezogen werden und mitentscheiden dürfen. Das ist unbefriedigend, jedoch sicher auch dem knappen Zeitbudget in der Praxis geschuldet.
Dabei äußert mehr als die Hälfte der Kinder den Wunsch nach mehr Mitspracherecht und Teilhabe. Dies sollte vonseiten der Behandler auch berücksichtigt werden, um vom eher "autoritativen" hin zu einem mehr partizipativen Behandlungsansatz zu gelangen, meint Dr. Andreas Oberle, Co-Präsident der DGSPJ. Umsetzen möchte die DGSPJ dies mit Hilfe des Best-Practice-Modells "Teilhabeorientiertes Arbeiten mit ICF" (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit).
Teilhabeorientiertes Arbeiten setzt jedoch voraus, dass beteiligte Fachkräfte eine Haltung an- und einnehmen, die sehr personenzentriert und individualisiert auf die Potenziale und Behandlungswünsche von Kindern und Eltern ausgerichtet ist und eine partizipative Betreuung in den Vordergrund rückt. Mit dieser Sichtweise und Haltung und mit Hilfe einer guten Gesprächsführung ist es durchaus möglich, zu mehr Mitsprache und damit auch zu einer besseren Teilhabe zu gelangen, sagt Oberärztin Dr. Ute Mendes, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie und Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums im Vivantes-Klinikum in Berlin-Friedrichshain. Mendes: "Wenn Kinder und Jugendliche Ziele selbst definieren, die sie im Alltag erreichen wollen, arbeiten sie an deren Erreichung viel engagierter mit." Das gelte für die Erreichung von Therapiezielen etwa bei der Logopädie genauso wie für Ziele bei Förderplänen in der Schule. Dadurch, so Mendes, steige nicht nur die Zufriedenheit der Patienten und ihrer Familien, sondern auch die Effektivität der Interventionen.
In der Sozialpädiatrie werden diese Handlungsleitlinien auch verstärkt bei der Hilfsmittelversorgung von Kindern und Jugendlichen angewandt. Dort sind zwar gerade durch eine Gesetzeserweiterung bürokratische Barrieren abgebaut und die Fachkompetenz von Pädiatern in den Sozialpädiatrischen Zentren bei den Verordnungen gestärkt worden, dennoch habe sich bislang die Versorgung mit Hilfsmitteln hin zu einer individuelleren und damit teilhabeorientierten Verordnungspraxis im Kindes- und Jugendalter noch nicht spürbar verbessert, kritisiert Oberle. Daher dränge die DGSPJ nun mit Unterstützung von Bundestagsabgeordneten die Krankenkassen dazu, Hilfsmittel stärker auf die höchst unterschiedlichen Bedarfe von Kindern auszurichten und diese individualisierten Verordnungen auch zu bewilligen und nicht – wie häufig – immer wieder zu hinterfragen oder gar abzulehnen.
Wenn in diesen patientennahen Versorgungsprozess die betroffenen Kinder und deren Eltern von Anfang an mit einbezogen würden, würde sich – so Oberle abschließend – nicht nur deren Versorgung mit Hilfsmitteln, sondern auch deren Teilhabe am Leben entscheidend verbessern.
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Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (4) Seite x-x
