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Kinder können nicht warten. Kinder sollen nicht warten. Zeit hat im Kindesalter eine ganz andere Dimension. Für einen Dreijährigen waren die drei Corona-Jahre das ganze Leben. Für einen Sechsjährigen das halbe. Für einen Zwölfjährigen ein wichtiges Lebensviertel. Für uns Erwachsene war es eine unangenehme Durststrecke, mit der man sich abfinden musste. Welch ein dimensionaler Unterschied! Zeit kann man messen, dazu gibt es Uhren und Kalender, aber unser stark altersabhängiges Zeitkonzept, die subjektive Wahrnehmung und individuelle Erfahrung von Zeit, ist die wichtigste Zeit, unsere Zeit, Eure Zeit, Ihre Zeit. Sie ist wertvoll.
Prokrastination nennt man das Aufschieben von wichtigen oder notwendigen Aufgaben gegen besseres Wissen und trotz negativer Folgen. Da fallen mir die Klimakrise, die Müllkrise, die Ressourcenkrise, die Kriege ein – aber auch das Warten auf Termine für Kinder. Ist nicht das Protrahieren zum Markenzeichen unserer Gesellschaft geworden? Es ist heute kaum möglich, irgendetwas spontan zu erledigen, es braucht Termine, die zunehmend per Internet gebucht werden müssen, und die in der Regel mit Wartezeiten verbunden sind. Die Dringlichkeit eines Anliegens ist bei dieser Art Terminvergabe häufig nicht vermittelbar. Termine, die erst in ein paar Wochen oder gar Monaten stattfinden sollen, werden häufig vergessen, nicht wahrgenommen oder sind bis dahin gar nicht mehr aktuell.
Wartezeiten machen keinen Sinn, denn was soll in drei, sechs oder zwölf Monaten besser sein als jetzt? Der Kabarettist Ernst Waldbrunn formuliert: "Viele Probleme erledigen sich von selbst, wenn man sie nicht dabei stört." Das darf aber unser Motto nicht sein.
»Kinder sind nicht Menschen von morgen, sie sind Menschen im Heute.« Janusz Korzak
Kinder erleben ihre Bedürfnisse oder Wünsche im Hier und Jetzt. Und zwar so dringend, dass sie unmittelbar und konsequent erfüllt werden müssen, etwa Hunger, Durst, Geschäftchen machen, aber auch Trost, Schmerz, Sicherheitsbedürfnis. Je jünger, umso geringer die Fähigkeit zum Aufschieben oder zur Selbstregulation. Betreuende müssen die Dringlichkeit solcher Forderungen ernst nehmen und sensibel darauf reagieren, um das Vertrauen und die Bindung des Kindes zu fördern. Eine feinfühlige unterstützende Begleitung lehrt die Kinder auf die Dauer, dass nicht alle Wünsche sofort erfüllt werden können, und hilft ihnen, Selbstkontrolle und Autonomie zu entwickeln.
Besonders dramatisch ist eine fehlende zeitnahe Unterstützung bei Kindern mit psychosozialen Auffälligkeiten, obwohl sich eine solche Unterstützung viele Einrichtungen auf die Fahnen geschrieben haben. Die Bereitschaft von Eltern und von pädagogischen Fachkräften in Kitas oder Schulen, selbst aktiv zu werden, wird durch die Gläubigkeit an Fachleute, an Spezialisten, unterbunden. Eltern sowie Erzieherinnen und Erzieher sind überfordert, haben keine Zeit und vielleicht auch Angst, etwas falsch zu machen, und dann geht der Marsch durch die Institutionen los: Die Pädiaterinnen und Pädiater haben dafür oft keine Zeit und kein Ohr, verweisen auf Erziehungsberatung, Frühförderstelle oder Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ). Diese bieten jedoch erst in Wochen oder Monaten Termine für eine Erstberatung an. Mitunter kann es sogar so lange dauern, dass etwa die Frühförderstelle gar nicht mehr für das betroffene Kind zuständig ist. Die SPZ sind vielerorts sogar auf Monate oder mehr als ein Jahr ausgelastet.
Wenigstens ein orientierender, die Zuständigkeit und Notwendigkeit überprüfender Erstberatungstermin müsste doch sofort möglich sein! Das wäre zumindest ein kleiner Schritt hin zu einer frühen Hilfe. Gelingt uns das jetzt und auch in Zukunft nicht, werden viele früh gedachte Angebote zu "späten", für etliche Kinder sogar zu "zu späten" Hilfen.
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Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (4) Seite 244
