Die Ermöglichung einer "guten Kindheit" für alle Kinder und Jugendlichen sollte eine fortwährende, gemeinsame Aufgabe der verschiedenen Fachdisziplinen sein, die sich dem Wohlergehen der Kinder verpflichtet haben. Was macht eine gute Kindheit aus – materielle Güter, Beziehungen, Bildung? Ein 2024 erschienenes Buch zu diesem Thema gibt zwar Antworten, berücksichtige aber den wichtigen Gesundheitsaspekt zu wenig, bedauert Prof. Straßburg. Wie eine "gute Kindheit" für alle Kinder und Jugendlichen möglich werden kann, beschreibt er in seinem "Persönlichen Blick".
2024 erschien in der Universal-Bibliothek des Reclam-Verlags ein gut 100-seitiger Beitrag des Pädagogik-Professors Johannes Drerup (TU Dortmund) und des Ethik- und Armutsforschers Gottfried Schweiger (Universität Salzburg) mit dem vielsagenden Titel: "Was ist eine gute Kindheit?" [1]. Kein Zweifel, das ist eine enorm wichtige Frage, zu der es viele unterschiedliche Meinungen gibt.
Initial wird auf die vielfältigen Aspekte hingewiesen, die zur Beantwortung dieser Frage berücksichtigt werden sollten: die Geschichte der Kindheit, die Kindheit in unserer heutigen pluralistischen, westlich-liberalen Gesellschaft, kulturelle Besonderheiten der Kindheit früher und heute, die Bedeutung der Familie, die Aufgaben des Staates, die Autonomie des Kindes, die Bedeutung der Gesundheit und vieles mehr.
Aus moralphilosophischer Sicht werden fünf Kernelemente unterschieden:
- die materiellen Güter: Hierzu gehören Ernährung, physische Sicherheit, Gesundheit, Spiel- und Lerngelegenheit und ein Zuhause.
- die Beziehungsgüter: Darunter werden Liebe, Zuwendung, Bindung, Freundschaft und soziale Teilhabe verstanden.
- die Bildungsgüter: Dazu gehört vor allem eine kulturelle Basiskompetenz.
- die intrinsischen Güter wie unverplante Zeit, Gelegenheit zum Spiel und zur Naturerfahrung sowie
- die Autonomie als Meta-Gut. Die Eigenart des Kindes soll ernst genommen werden, den Kindern soll Selbstvertrauen ermöglicht und die kulturellen Gewohnheiten der Gesellschaft vermittelt werden.
Im Fazit werden folgende Punkte betont:
- Die Kinderrechte müssen konsequent gewährleistet werden, insbesondere das Recht auf Bildung für alle Kinder.
- Die Bedingungen für ein gesundes Aufwachsen müssen verbessert werden.
- Die politische Rolle der Kinder muss ernst genommen werden und den Kindern mehr Entscheidungsmöglichkeiten gegeben werden, z. B. auch in Form einer Senkung des Wahlalters.
- Die Rolle der Kinder muss in der gesellschaftlichen Diskussion und in den Medien mehr berücksichtigt werden.
Alle hier in gekürzter Form gemachten Aussagen sind richtig und unterstützenswert; aus geschichtswissenschaftlicher Sicht hat die Historikerin Martina Winkler dazu einen interessanten Kommentar veröffentlicht [2].
Es ist aber schade, dass die Autoren den so wichtigen Gesundheitsaspekt in ihrem Text kaum berücksichtigt haben. 10 % aller Kinder haben eine chronische Krankheit – können sie nicht dennoch eine "gute Kindheit" haben? Mindestens 20 % aller Kinder haben psychische Probleme – soll ihnen nicht trotzdem eine "gute" Kindheit ermöglicht werden?
Was sich aus diesen Forderungen für Konsequenzen ergeben, hat der renommierte Schweizer Kinderarzt Remo Largo in seinem Opus magnum "Das passende Leben – Was unsere Individualität ausmacht und wie wir sie leben können" 2017 aufgrund seiner Erfahrungen mit umfangreichen Entwicklungsstudien zusammengefasst [3]. Wesentlich für ein passendes Leben sind für ihn die Elemente des "Fit-Prinzips". Dabei unterscheidet er die Grundbedürfnisse Geborgenheit, soziale Anerkennung, Selbstentfaltung, Leistung und existenzielle Sicherheit von den Kompetenzen im sozialen, körperlichen, motorischen, sprachlichen und musikalischen Bereich sowie die zeitlich-planerischen, logisch-mathematischen und figural-räumlichen Fähigkeiten. Darauf aufbauend macht er konkrete Vorschläge für Konzepte, wie sich Kinder und Erwachsene in sog. Misfit-Situationen helfen können.
Es gibt aktuell eine Reihe von Themen, bei denen Pädagogen, Psychologen, Sozialpolitiker und auch Moralphilosophen zusammen mit den Kinder- und Jugendärzten der verschiedenen Fachrichtungen gemeinsame Aussagen und konkrete Forderungen für eine gute Kindheit in unserem Land machen sollten. Beispiele sind:
- Physische und psychische Unterstützung der Mutter und ihrer Familie in der Schwangerschaft, vor allem bei der Geburt und im ersten Lebensjahr
- Umsetzung anerkannter Präventionskonzepte besonders in den ersten Lebensjahren, z. B. eine gesunde Ernährung, ein normaler Schlaf und die Förderung des freien Spiels und des Aufenthalts in der freien Natur.
- Die Teilnahme an den Vorsorge-Untersuchungen und altersadäquaten Impfungen
- Der Ausbau einer ausreichenden Zahl qualifizierter Kindertagesstätten, auch für Kinder unter dem 3. Lebensjahr
- Eine gesicherte Versorgung durch Kinder- und Jugendärzte ohne lange Wartezeiten für alle Kinder
- Eine qualifizierte personelle und baulich-organisatorische Betreuung und Förderung aller Kinder in den Schulen
- Eine bestmögliche Inklusion aller Kinder mit gesundheitlichen Einschränkungen und Behinderungen
- Der uneingeschränkte Zugang besonders von Kindern aus Armuts- und Flüchtlingsfamilien zu adäquater Bildung und Gesundheit
- Der Schutz der Kinder vor den Versuchungen der digitalen Medien. Insbesondere sollten Kinder und Jugendliche mindestens bis zum 14. Lebensjahr von der Nutzung offener sozialer Medien ferngehalten werden.
- Kinder und Jugendliche müssen vor der Aufnahme von Drogen bewahrt werden.
- Gesundheitsbelastungen infolge von Umweltgiften und Klimaveränderungen müssen reduziert werden.
Die Ermöglichung einer "guten Kindheit" für alle Kinder und Jugendlichen sollte eine fortwährende, gemeinsame Aufgabe der verschiedenen Fachdisziplinen sein, die sich dem Wohlergehen der Kinder verpflichtet haben.
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Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (4) Seite 292-293
