Interview zum Thema "Kinderdemenz" Auch Kinder können an Demenz erkranken – wenn auch sehr selten. Bei welchen Symptomen sollten Kinderärztinnen und Kinderärzte an Kinderdemenz denken? Welche Formen gibt es? Und wie kann Kindern und Jugendlichen mit dieser seltenen Erkrankung geholfen werden? Darüber haben wir in O-Ton Pädiatrie mit Dr. Frank Stehr, geschäftsführender Vorstand der NCL-Stiftung, gesprochen.Was genau ist Kinderdemenz bzw. NCL?

Dr. Stehr: Die Abkürzung NCL steht für neuronale Ceroid-Lipofuszinose. Wenn man über NCL spricht, spricht man über eine ganze Gruppe verschiedener Erkrankungen. Es gibt ganz unterschiedliche Krankheiten, Kinderkrankheiten, bei denen eine Demenz auftreten kann. Man kennt mittlerweile über 100 genetisch bedingte Formen. Dazu gehören auch die NCLs, die zu den sogenannten lysosomalen Speicherkrankheiten zählen. Die NCLs sind der häufigste Grund für eine Demenz im Kindes- und Jugendalter. Mittlerweile kennt man 13 verschiedene NCL-Formen, bei denen der Fehler jeweils in einem anderen Gen liegt. Es sind also monogenetisch bedingte Stoffwechselerkrankungen.

Wie viele Menschen mit NCL leben derzeit in Deutschland?

Dr. Stehr: Das ist schwer zu sagen. Wir gehen zurzeit davon aus, dass ca. 700 Kinder und Jugendliche an dieser Krankheit leiden. Weltweit mögen das an die 70.000 Kinder sein. Aber an diese Zahl muss man ein großes Fragezeichen machen, denn in manchen Ländern steht noch nicht mal die Diagnostik. Beispielsweise in Afrika kennt man so gut wie keine Fälle, und die muss es dort auch genauso geben wie hier.

NCL gehört offiziell zu den sogenannten seltenen Erkrankungen. Von einer seltenen Erkrankung spricht man, wenn nur 5 Menschen oder weniger von 10.000 an einer bestimmten Krankheit leiden.

Wie wird eine Kinderärztin oder ein Kinderarzt in der Praxis auf eine mögliche Kinderdemenz aufmerksam?

Dr. Stehr: Das sind natürlich sehr komplexe Krankheitsbilder und man muss die Formen jeweils einzeln betrachten. Allen NCL-Formen gemeinsam ist, dass die betroffenen Kinder in der Regel gesund zur Welt kommen. Erst mit der Zeit verlieren die Kinder dann ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten. Dabei liegt immer eine Symptom-Kombination vor. Es tritt also nicht nur Demenz auf, sondern mit der Zeit kommen auch Erblindung, epileptische Anfälle, motorische Probleme bzw. Rückschritte dazu. Dabei ist die Kombination dieser Symptome und die Reihenfolge unterschiedlich, ebenso das Alter des Auftretens: Dies ist immer abhängig von der jeweiligen NCL-Form. Wenn man als Ärztin oder Arzt solch eine Symptom-Kombination im Verlauf sieht, sollte man an NCL denken.

Welche NCL-Formen kommen in Deutschland am häufigsten vor? Und welche Leitsymptome treten jeweils auf?

Dr. Stehr: Die häufigsten drei NCL-Formen in Deutschland sind die infantile Form (CLN1), sie beginnt im Alter von 6 bis 18 Monaten; die spätinfantile Form (CLN2), sie beginnt mit 2 bis 4 Jahren, und die juvenile Form (CLN3), sie beginnt mit 4 bis 7 Jahren.

Die Leitsymptome bei CLN1 sind Rückschritte in der psychomotorischen Entwicklung. Manchmal werden bestimmte Meilensteine der Entwicklung gar nicht mehr erreicht. Und es kommt dann später zu einer rasch voranschreitenden Hirnatrophie. Irgendwann bemerkt man auch eine Sehverschlechterung – die Kinder verlieren einfach den Blickkontakt.

CLN2 ist eine wichtige NCL-Form, weil es hier eine Behandlungsmöglichkeit gibt! Dazu komme ich später noch. Erste Leitsymptome sind hier schwer behandelbare epileptische Anfälle. Und ein Großteil dieser Kinder hat eine Sprachentwicklungsverzögerung.

Die CLN3 stellt für die NCL-Stiftung den Schwerpunkt dar. Der Sohn des Stiftungsgründers litt genau an dieser NCL-Form. Hier fängt es mit einer Sehschwäche an. Meist wird in dieser Phase erst mal eine Brille verschrieben. Aber die hilft nicht, da die Netzhaut betroffen ist. Es sterben Zellen ab und das geht so rasch voran, dass die Kinder innerhalb von ein bis drei Jahren vollständig erblinden. Neben dem raschen Erblinden treten erste schulische Schwierigkeiten auf. Das heißt, die Kinder haben auf einmal Probleme, sich etwas zu merken, weil das Kurzzeitgedächtnis gestört ist. Wenn die Eltern nicht wissen, was ihre Kinder haben, würden sie einfach denken, die sind faul. Sie haben ja vorher die Leistung gebracht in der Schule, und jetzt funktioniert das auf einmal nicht mehr.

Was können Sie über die Lebenserwartung dieser Kinder sagen?

Dr. Stehr: Nur wenige überleben das frühe Erwachsenenalter.

Wenn ein Verdacht besteht, z. B. aufgrund der Schilderungen der Eltern, wie geht es dann weiter? Welche Untersuchungen sind nötig, um die Diagnose zu stellen?

Dr. Stehr: Das hängt dann wirklich stark davon ab, in welchem Alter die ersten Symptome aufgetreten sind, gerade bei diesen frühen Formen im Kleinkindalter oder noch davor im Säuglingsalter. Im ersten Schritt kann man über eine Trockenblutanalyse gehen. Eine Enzymaktivitätsmessung müsste dann doch an einem entsprechenden Zentrum durchgeführt werden, zum Beispiel am UKE in Hamburg. Und bei einem Verdacht macht es natürlich Sinn, nicht nur diese Probe zu verschicken, sondern sich vielleicht auch mit Kolleginnen und Kollegen aus diesem Themenfeld auszutauschen, ob das Sinn macht, in dieser Richtung nachzuschauen.

Um die Diagnose final zu bestätigen, ist eine Genanalyse notwendig, die die entsprechende Veränderung im betroffenen Gen auch tatsächlich nachweist.

Was ist mit den Geschwistern? Wie hoch ist das Risiko, dass auch sie betroffen sind?

Dr. Stehr: Es besteht immer das Risiko, dass jedes weitere Kind mit einem 25-prozentigen Risiko auch an dieser Krankheit erkranken könnte. Das heißt, die jüngeren Geschwisterkinder, die noch keine Auffälligkeiten haben, noch keine Symptome zeigen, können auch die Veranlagung haben.

Die Eltern müssen sich natürlich darüber Gedanken machen, ob sie das zu diesem Zeitpunkt jetzt wissen möchten oder lieber nicht. Auch wenn die Mutter gerade mit einem zweiten oder dritten Kind schwanger ist, kann man prüfen, ob das ungeborene Kind auch die Veranlagung für diese seltene Krankheit trägt. Das ist natürlich eine schwierige Entscheidung für die Eltern.

Aber: Im Fall von CLN2 ist es natürlich ganz, ganz wichtig, das früh zu untersuchen, da man hier eine Therapiemöglichkeit hat. Und diese Kinder, bei denen die Krankheit noch nicht ausgebrochen ist, bei denen noch keine Symptome offensichtlich sind, diese Kinder würden von der Therapie am meisten profitieren.

Wie funktioniert diese CLN2-Behandlung, und was kann damit erreicht werden?

Dr. Stehr: Aufgrund des Gendefekts bei CLN2 kann ein ganz bestimmtes lysosomales Enzym nicht mehr gebildet werden. Und im Gegensatz zu CLN3, wo ein lysosomales Membranprotein betroffen ist, kann man bei CLN2 dieses fehlende lysosomale Enzym künstlich herstellen und dem Körper zuführen. Im Sommer 2017 wurde eine solche Enzymersatztherapie für CLN2 zugelassen.

Für die Behandlung muss zuerst ein dauerhafter Zugang ins Gehirn gelegt werden. Denn diese Enzyme sind einfach zu groß, man kann sie nicht einfach intravenös spritzen, sie würden nicht über die Blut-Hirn-Schranke kommen. Wobei natürlich auch daran geforscht wird, wie man solche Enzyme soweit verändern kann, dass sie vielleicht doch über die Blut-Hirn-Schranke kommen können. Aber bei dem bisher zugelassenen Medikament bzw. Enzym ist es so, dass es direkt ins Gehirn verabreicht werden muss, und zwar alle zwei Wochen.

Das heißt, die betroffenen Familien müssen alle 14 Tage in die Klinik kommen. Das Kind kommt meistens auf die Intensivstation, da alles sehr steril sein muss. Dann wird – meistens über einen Zeitraum von vier Stunden verteilt – das fehlende Enzym eingeträufelt. Es verteilt sich im Gehirn und wird dann von den Zellen aufgenommen und genutzt, ist aber nach zwei Wochen verbraucht und muss nachgeliefert werden. Dazu muss man sagen, dass die Kinder weiterhin erblinden, weil das Enzym leider nicht in ausreichender Menge bis zur Netzhaut vordringt.

In einer Studie mit einer zweijährigen Versuchszeit konnte man bei 87 Prozent der Patientinnen und Patienten eine Verlangsamung bzw. einen Stopp des Krankheitsverlaufs feststellen, was natürlich ein riesiger therapeutischer Effekt ist. Man hat noch eine weitere sogenannte "Geschwister-Studie" durchgeführt bei jüngeren Geschwistern mit CLN2 noch ohne Symptome. Ihnen wurde ebenfalls das fehlende Enzym verabreicht. Und diese Kinder profitieren sehr davon, wenn sie die dieses fehlende Enzym bekommen, bevor die Krankheit ausgebrochen ist. Damit kann man den Krankheitsverlauf anscheinend wirklich hinauszögern. Wie lange, ist schwer zu sagen, denn die Erfahrungen haben wir noch nicht.

Daher ist es uns ein großes Anliegen, diese spezielle NCL-Form ins Neugeborenen-Screening aufzunehmen, um dann betroffenen Kindern möglichst schnell dieses fehlende Enzym verabreichen zu können.

Herr Dr. Stehr, Sie arbeiten seit vielen Jahren bei der NCL-Stiftung. Können Sie kurz erklären, warum es diese Stiftung gibt und welche Ziele sie hat.

Dr. Stehr: Die Stiftung wurde 2002 gegründet von einem betroffenen Vater, Dr. Frank Husemann, nachdem bei seinem eigenen Sohn Tim NCL diagnostiziert wurde. Die Diagnose erfolgte damals durch Professor Kohlschütter im UKE in Hamburg. Und Herr Husemann hatte Herrn Kohlschütter gefragt, was er denn als betroffener Vater tun könne. Herr Kohlschütter empfahl, die Forschung voranzubringen. Das war der erste Impuls. Daraufhin hat sich Herr Husemann entschieden, eine Stiftung zu gründen mit dem Ziel, die Forschungen weltweit voranzubringen und diese Krankheit heilbar zu machen.

Es geht uns darum, Ärztinnen und Ärzte zu informieren. Das heißt, wir versuchen, NCL bekannter zu machen über verschiedenste Fortbildungsmaßnahmen, über Online-Fortbildung, über Fachblätter, wir gehen auf Kongressorganisatoren zu, um hier Fachvorträge zu platzieren und vieles mehr.

Können Sie bitte zum Schluss kurz zusammenfassen: Was sollte eine Kinderärztin oder ein Kinderarzt über Kinderdemenz wissen?

Dr. Stehr: In meinen Augen ist es erstmal wichtig zu wissen bzw. festzustellen, ob das Kind, bevor die ersten Symptome offensichtlich wurden, ganz gesund war und es sich entsprechend altersgerecht entwickelt hat. Das Initialsymptom hängt natürlich von der jeweiligen NCL-Form ab. Und es ist wichtig, das Kind möglichst schnell wiederzusehen. Stellt man dann fest, dass ein rasches Voranschreiten stattfindet, ein schneller Abbau der Fähigkeiten und gegebenenfalls auch eine Kombination von verschiedenen Symptomen, dann sollte man an NCL denken. Ich hatte schon diese Kombination erwähnt aus Erblindung, Demenz, motorischer Rückentwicklung und Epilepsie: Wenn diese vier Symptome – oder sagen wir mal, mindestens zwei davon – auftreten, dann auf jeden Fall in Richtung NCL denken und Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen aufnehmen, die in diesem Feld tätig sind.

Interview: Angelika Leidner»Allen NCL-Formen gemeinsam ist, dass die betroffenen Kinder in der Regel gesund zur Welt kommen.«»Demenz, Erblindung, epileptische Anfälle und motorische Rückschritte: Sieht man solch eine Symptom-Kombination im Verlauf, sollte man an NCL denken.«
Dr. Frank Stehr
... ist Molekularbiologe und seit vielen Jahren im Vorstand der NCL-Stiftung mit Sitz in Hamburg (www.ncl-stiftung.de). Die Stiftung fördert die Forschung und Aufklärung auf dem Gebiet der neuronalen Ceroid-Lipofuszinosen, kurz: NCL, auch als Kinderdemenz bezeichnet.
Wir gehen davon aus, dass ca. 700 Kinder und Jugendliche in Deutschland an NCL leiden.
Neugierig auf die ganze Folge?
Die vollständige Podcast-Folge Nr. 22 "Kinderdemenz: Symptome, Formen, Diagnostik und Behandlung" mit Dr. Frank Stehr finden Sie hier: www.kinderaerztliche-praxis.de/o-ton-paediatrie#22
NCL-Stiftung: Für eine Zukunft ohne Kinderdemenz
www.ncl-stiftung.de

Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (2) Seite x-x