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*nach einem Kommentar von Lanzieri TM et al. (2023) Considering antiviral treatment to preserve hearing in congenital CMV. Pediatrics 151: 1 – 3

Die kongenitale Zytomegalievirus-Infektion (cCMV) ist die häufigste nichtgenetische Ursache für Schallempfindungsschwerhörigkeit (SNHL) bei Kindern. In den USA kommen cCMV bei schätzungsweise 5 von 1.000 Lebendgeburten vor [1]. Die meisten cCMV-Infektionen bleiben unerkannt. Neugeborene werden in der Regel wegen auffälliger, pränataler Ultraschallbefunde auf cCMV getestet, bei einem klinischen Verdacht auf cCMV (Mikrozephalie, Thrombopenie), bei der Geburt, aufgrund einer mütterlichen Anamnese mit einer CMV-Infektion während der Schwangerschaft oder im Rahmen einer Hörtestung.

Etwa 10 % der infizierten Säuglinge zeigen bei der Geburt klinische Befunde wie Purpura, Petechien, Ikterus, Hepatospleno­megalie, Retinitis oder eine Mikrozephalie [1]. Bis zu 50 % der ­symptomatischen Säuglinge und 15 % der asymptomatischen Säuglinge leiden entweder bei der Geburt oder mit verzögertem Beginn an einer SNHL, die stabil, schwankend oder progressiv sein kann [1]. Säuglingen, bei denen eine cCMV-Infektion ­diagnostiziert wurde, kann eine antivirale Behandlung angeboten werden. Die Rationale der Off-Label-Behandlung ist, das Gehör zu erhalten und ggf. die Entwicklungsergebnisse zu verbessern.

Empfehlungen der American Academy of Pediatrics

Die American Academy of Pediatrics (AAP) empfiehlt entweder intravenös Ganciclovir oder orales Valganciclovir (Ganciclovir-Prodrug) für Säuglinge mit einer mittelschweren bis schweren symptomatischen cCMV-Erkrankung. Die Behandlung sollte innerhalb des ersten Lebensmonats begonnen werden [1]. Die Behandlung wird für Säuglinge mit isolierter SNHL nicht empfohlen [1, 2]. Viele europäische Expertinnen und Experten klassifizieren eine isolierter SNHL bei Säuglingen als schwere symptomatische cCMV-Erkrankung und empfehlen eine antivirale Behandlung [3]. Trotz der Empfehlung der AAP hat die antivirale Behandlung von Säuglingen mit cCMV ohne klinische Befunde zugenommen [4].

Aktuelle Studiendaten

In zwei klinischen Studien schien Ganciclovir oder Valganciclovir, wenn innerhalb des ersten Monats mit der Behandlung begonnen wurde, das Gehör und den Entwicklungsstatus zu verbessern [5, 6]. Auch haben Beobachtungsstudien ergeben, dass Säuglinge mit symptomatischer cCMV-Infektion und Hörverlust, die antiviral behandelt wurden, offenbar eine geringere Verschlechterung des Hörvermögens, insbesondere bei leichter bis schwerer Hörbehinderung zu Studienbeginn aufwiesen [7]. Eine placebokontrollierte Studie mit Valganciclovir bei Kindern mit verzögert einsetzender SNHL zeigte eine Verschlechterung des Hörvermögens in 23 % (6/26) der behandelten Kinder im Vergleich zu 4 % (1/28) der mit Placebo therapierten Kinder [8]. Eine offene Studie zur Bewertung der Valganciclovir-Behandlung zur Gehörverlustprävention bei Säuglingen mit asymptomatischer cCMV ist vor Kurzem aus ­Sicherheitsgründen abgebrochen worden [9]. In den Niederlanden wird aktuell geprüft, ob eine 6-wöchige Valgan­ciclovir-Therapie eine Hörschädigung bei Säuglingen im Alter von einem Jahr mit cCMV und isolierter SNHL im Vergleich zu fehlender Behandlung verhindert. Die Ergebnisse sind noch nicht verfügbar [10].

Letztendlich sind mehr valide Daten notwendig, um zu klären, ob die Vorteile einer Behandlung mit Valganciclovir die Risiken eindeutig überwiegen. Hämatologische, unerwünschte Ereignisse (UAW) treten bei 29 % der Säuglinge mit cCMV, die mit Valganciclovir behandelt wurden, auf. Die häufigste UAW ist die Neutropenie [11].

Kommentar:
Die Frage, ob eine antivirale Therapie zur Verhinderung des Verlustes der Hörfähigkeit bei Kindern mit kongenitaler CMV-Infektion führt, ist eminent wichtig. Hörminderung und Hörverlust führen zu fehlender Teilhabe und eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten. Außerdem sind dann langfristige, belastende Behandlungen notwendig. Die Studienlage ist uneinheitlich und das Vorgehen basiert auf Expertenempfehlungen oder Leitlinien. Eine solche Leitlinie wird gerade in Deutschland bearbeitet. Die Versuchung ist groß, aus dem individuellen Ermessen heraus eine antivirale Therapie durchzuführen. Dem sind schwerwiegende UAW und die Möglichkeiten eines standardisierten Hörscreenings reflektiert gegenüberzustellen.

Literatur
1. Committee on Infectious Diseases, American Academy of Pediatrics. Kimberlin DW, Barnett ED, Lynfield R, Sawyer MH (2021) Cytomegalovirus infection. Red Book: 2021 – 2024 Report of the Committee on Infectious Diseases. Itasca, IL: American Academy of Pediatrics
2. Rawlinson WD, Boppana SB, Fowler KB et al. (2017) Congenital cytomegalovirus infection in pregnancy and the neonate: consensus recommendations for prevention, diagnosis, and therapy. Lancet Infect Dis 17 (6): e177 – e188
3. Luck SE, Wieringa JW, Blazquez-Gamero D et al (2017) ESPID Congenital CMV Group Meeting, Leipzig 2015. Congenital cytomegalovirus: a European expert consensus statement on diagnosis and management. Pediatr Infect Dis J 36 (12): 1205  – 1213
4. Leung J, Grosse SD, Hong K, Pesch MH, Lanzieri TM (2022) Changes in valganciclovir use among infants with congenital cytomegalovirus diagnosis in the United States, 2009 – 2015 and 2016 – 2019. J Pediatr 246: 274 – 278
5. Kimberlin DW, Lin CY, S!anchez PJ et al. (2003) National Institute of Allergy and Infectious Diseases Collaborative Antiviral Study Group. Effect of ganciclovir therapy on hearing in symptomatic congenital cytomegalovirus disease involving the central nervous system: a randomized, controlled trial. J Pediatr 143 (1): 16 – 25
6. Kimberlin DW, Jester PM, Sanchez PJ et al. (2015) National Institute of Allergy and Infectious Diseases Collaborative Antiviral Study Group. Valganciclovir for symptomatic congenital cytomegalovirus disease. N Engl J Med 372 (10): 933 – 943
7. De Cuyper E, Acke F, Keymeulen A, Dhooge I (2022) The effect of (val) ganciclovir on hearing in congenital cytomegalovirus: a systematic review. Laryngoscope 132 (11): 2241 – 2250
8. Lanzieri TM, Caviness AC, Blum P, Demmler-Harrison G (2022) Congenital Cytomegalovirus Longitudinal Study Group. Progressive, long-term hearing loss in congenital CMV disease after ganciclovir therapy. J Pediatric Infect Dis Soc 11 (1): 16 – 23
9. U.S. National Library of Medicine. Asymptomatic congenital CMV treatment. Available at: https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT03301415?cond=Congenital+Cmv&draw=2&rank=2. Accessed August 17, 2022
10. U.S. National Library of Medicine. Congenital cytomegalovirus: efficacy of antiviral treatment in a randomized controlled trial (CONCERT). Available at: https://clinicaltrials.gov/ct2/show/ NCT01655212?cond=Congenital+Cmv& draw=1&rank=7. Accessed October 4, 2022
11. Ziv L, Yacobovich J, Pardo J et al. (2019) Hematologic adverse events associated with prolonged valganciclovir treatment in congenital cytomegalovirus infection. Pediatr Infect Dis J 38 (2): 127 – 130


Autor
Univ.-Prof. Dr. med. Markus Knuf


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2024; 95 (1) Seite 12-13