Helga Simchen (2020): AD(H)S – Hilfe zur Selbsthilfe; Lern- und Verhaltensstrategien für Schule, Studium und Beruf. 2. Auflage, 246 Seiten. Kohlhammer-Verlag, Stuttgart, ISBN 978-3-17-035597-2; 29,00 Euro
„Eine Anleitung zur Durchführung eines erfolgreichen Selbstmanagements, das jedem offen steht und möglich ist, möchte dieses Buch sowohl den Betroffenen als auch deren Eltern, Erziehern, Therapeuten und Partnern vermitteln“. So beschreibt die Autorin den wesentlichen Anspruch ihrer 240 Seiten starken Ausführungen in ihrem Vorwort.
Ihre über 25-jährige Erfahrung als Therapeutin, Beraterin und Lehrende wird aus jeder Seite deutlich. Sie versteht es, sowohl die Probleme des „Andersseins“ verständlich darzulegen und zu ergründen, aber auch die kreativen und positiven Seiten der ADHS-Betroffenen sehr hilfreich als Chancen zu vermitteln. Ausführlich wird sie ihrem Anspruch gerecht, Selbsthilfestrategien für verschiedene Altersstufen der Betroffenen und für Beratende und Helfende aufzuschreiben. Reduziert beruhen diese auf: Aufklärung, Struktur, Reizreduktion, transparente Erziehungsziele, empathische Zuwendung, Konsequenz und Medikation mit Stimulanzien. Ihre Sichtweise und die Ausführungen, z. B. zu Neurobiologie, genderspezifischen Besonderheiten und Jugend wirken allerdings nicht selten kategorisch und widersprechen dann auch der Erkenntnis (S3-Leitlinie), dass ADHS als ein „Dimensionales Konstrukt“ gesehen werden soll. Wenn sie den notwendigen Erziehungsstil mit „… großen Anforderungen an soziale und intellektuelle Kompetenzen, an Eigenkontrolle und Unterstützung …“ beschreibt, markiert sie zugleich die Grenzen ihrer Darlegungen: Betroffene mit sozial problematischen Zusammenhängen, mit erheblichen zusätzlichen Diagnosen und psychodynamisch wirksamen Problemen können von ihrem Regelwerk deutlich weniger profitieren. Auch kommt eine Beschreibung der Möglichkeiten zu kurz, sich Hilfe über Elterntraining, multidisziplinäre Einrichtungen, medikamentöse Alternativen und Netzwerke zu holen.
Insgesamt bietet Frau Simchen eine detailreiche, etwas redundant beschriebene Wanderkarte für diejenigen, die, weitgehend selbstreflexiv, gut gebildet und sozial ziemlich stabil ausgestattet, den Weg eigentlich schon kennen.
Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2021; 92 (2) Seite 120
