Zwei Überraschungen haben die Ergebnisse einer über 37 Jahre angelegten, großen Kohortenstudie in Schweden zu Tage gefördert: Die Diagnoserate der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) hat sich zwischen 1985 und 2020 in Schweden verzehnfacht. Zudem ist die Prävalenz der ASS bei Mädchen deutlich höher als vermutet und gleicht sich ab einem Alter von 16 Jahren sogar an.
In der Studie (BMJ 2026, online 04. Februar) sind fast 2,8 Millionen Neugeborene zwischen 1985 und 2020 über das schwedische medizinische Geburtenregister erfasst und dabei insgesamt 78.522 Personen (2,8 %) ab einem Alter von zwei Jahren mit einer ASS nach ICD-Schlüssel diagnostiziert worden. Bis zu einem Alter von zehn Jahren waren die Ergebnisse weniger überraschend: Denn in dieser Altersgruppe wurde bei Jungen etwa dreimal häufiger eine ASS festgestellt als bei Mädchen. Ab einem Alter von 16 Jahren war das Diagnoseverhältnis aber schon nahezu ausgeglichen, was frühere Studien so nicht belegen konnten.
Zwei Gründe wurden für den Anstieg der Diagnoseraten bei Mädchen ausgemacht: Zum einen die Ausweitung der klinischen Diagnosekriterien im Laufe der Jahrzehnte, zum anderen die stärkere Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede bei der Ausprägung typischer ASS-Merkmale insbesondere in der Kindheit. Doch warum werden die Erkrankungen bei Mädchen erst so spät erkannt? Nach Ansicht der Studienautoren könnte das daran liegen, dass die Symptome bei weiblichen Jugendlichen häufig subtiler seien, sich Mädchen zudem besser als Jungen an soziale Erwartungen anpassen könnten und so Diagnosen häufiger erst im Adoleszenten- oder Erwachsenenalter aufgedeckt werden.
Eine höhere Sensibilität in der Gesellschaft und in der Ärzteschaft für ASS könnte auch der Grund dafür sein, dass der Anstieg der Autismus-Diagnosen über die vergangenen Jahrzehnte erfolgt ist. Denkbar sind auch die Auswirkungen von geänderten Diagnosekriterien oder auch der Konsens über eine breitere Definition der Spektrum-Störungen. Da in Deutschland keine vergleichbar umfassenden Registeranalysen vorliegen, kann man nur vermuten, dass sich hierzulande das Geschlechterverhältnis ebenso in diese Richtung entwickeln dürfte. Dabei geht aber auch aus der schwedischen Studie nicht gesichert hervor, ob es sich bei den vermehrten – insbesondere leichter ausgeprägten ASS-Diagnosen der Mädchen – wirklich um ASS oder möglicherweise auch bisher nicht erkannte Angst- oder Zwangserkrankungen handelt.
Raimund Schmid
