In Folge 2 der Serie stehen Masern, Mumps und Röteln im Fokus – drei Erkrankungen, die zu den "klassischen" sogenannten Kinderkrankheiten zählen. Die Therapie erfolgt ausschließlich symptomatisch, da keine kausale antivirale Behandlung zur Verfügung steht. Insbesondere Masern, aber auch Mumps und Röteln, können mit schweren neurologischen und systemischen Komplikationen einhergehen und bleibende Schäden verursachen.
Masern
Masern werden durch das Morbillivirus verursacht. Sie gehören zu den hochkontagiösen Erkrankungen des Menschen [1, 2]. Die Übertragung erfolgt durch Tröpfchen und Aerosole. Dabei ist das Virus bis zu 2 Stunden noch in der Luft nachweisbar – ein direkter Kontakt zur Ansteckung ist daher nicht notwendig. Die Inkubationszeit beträgt 8 – 12 Tage bis zum Prodromalstadium und etwa 14 Tage bis zum Exanthem [1, 3]. Das katarrhalische Prodromalstadium beginnt mit Fieber, Konjunktivitis, Rhinitis und Husten. Pathognomonisch sind die Koplik-Flecken (nicht wegwischbare weiße Auflagerungen an der Wangenschleimhaut). Eine fieberfreie Latenzphase ist möglich, gefolgt vom makulopapulösen, konfluierenden Exanthem mit kraniokaudaler Ausbreitung und erneutem Fieberanstieg. Die Ansteckungsfähigkeit besteht bereits etwa 4 Tage vor bis 4 Tage nach Auftreten des Exanthems, bei Immunsuppression sogar länger und ohne Exanthem [1].
Eine Sonderform sind mitigierte Masern bei maternalem Nestschutz oder Durchbruchsinfektion bei unvollständiger Immunität nach Impfung mit einem klinisch abgeschwächten Verlauf und unspezifischem Exanthem, aber bestehender Infektiosität.
Neurologische Komplikationen
Neurologische Komplikationen stellen die schwerwiegendsten Folgen der Masern dar [2, 4]: Bei der akuten Masernenzephalitis (1:500 – 1:2.000; Letalität 10 – 20 %, häufige Residuen) 3 – 9 Tage nach Exanthembeginn kommt es zu Bewusstseinsstörung, Krampfanfällen und fokal-neurologischen Defiziten [2, 4]. Die masernassoziierte akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM) (1:1.000; nach Impfung 1:1.000.000, 80 – 90 % vollständige Erholung) ist eine immunvermittelte demyelinisierende Erkrankung Wochen bis Monate nach Infektion [4, 5]. Die Masern-Einschlusskörper-Enzephalitis (Letalität 75 %) betrifft vor allem Immunsupprimierte [1, 4]. Die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) (1:1.700 – 1:3.300; Risiko umso höher, je jünger das Alter bei Primärinfektion; Letalität 100 %) entsteht durch eine persistierende Infektion mit Masernvirus und ist klinisch progredient mit initialen Verhaltensauffälligkeiten und kognitivem Abbau, gefolgt von Myoklonien, Krampfanfällen und Sehstörungen bis zur Dezerebrationsstarre [2, 6]. Wichtige Differenzialdiagnosen bei Masernexanthem sind unter anderem Infektionen mit Röteln, HHV6 und Parvovirus B19 [1].
Mumps
Mumps wird durch das Rubulavirus übertragen. Die Inkubationszeit beträgt meist 16 – 18 Tage. Die Erkrankung manifestiert sich typischerweise mit einer schmerzhaften Parotisschwellung, Fieber und Allgemeinsymptomen. Etwa ein Drittel der Infektionen verläuft subklinisch. Die Ansteckungsfähigkeit besteht etwa 2 Tage vor bis 5 Tage nach Beginn der Parotitis. Sekundäre Diagnosen nach bakterieller Superinfektion sind nicht selten [7]. Differenzialdiagnostisch sind darüber hinaus andere virale Infektionen (z. B. EBV, Parainfluenza, Influenza, Coxsackievirus, Adenovirus, Parvovirus B19) und bakterielle Infektionen (z. B. Staphylococcus aureus und atypische Mykobakterien) zu bedenken [7].
Neurologische Komplikationen
Neurologische Komplikationen sind häufiger als bei den bisher erwähnten Kinderkrankheiten. Eine aseptische Meningitis tritt bei bis zu 10 % der Erkrankten auf, meist mit gutartigem Verlauf [7]. Gefürchtet ist die Orchitis bei postpubertären Jungen (bis zu 30 %), die in Einzelfällen zu Infertilität führen kann.
Weitere Komplikationen sind Oophoritis, Pankreatitis und selten Enzephalitis oder permanente Innenohrschwerhörigkeit [7].
Röteln
Röteln werden durch das Rubellavirus als Tröpfcheninfektion übertragen. Die Inkubationszeit beträgt 14 – 21 Tage. Die Erkrankung verläuft bei Kindern häufig mild mit subfebrilen Temperaturen, feinfleckigem makulopapulösem Exanthem – beginnend im Gesicht (Gaumen betroffen) und Ausbreitung über den Körper – sowie okzipitaler oder retroaurikulärer Lymphadenopathie. Bis zu 50 % der Infektionen sind asymptomatisch [8]. Die Ansteckungsfähigkeit besteht etwa 7 Tage vor bis 7 Tage nach Exanthembeginn. Differenzialdiagnostisch sind Infektionen mit Parvovirus B19, HHV6, Masern und Enteroviren in Betracht zu ziehen.
Bei Kindern sind Komplikationen selten. Möglich sind Thrombozytopenien oder sehr selten Enzephalitiden [8]. Eine maternale Primärinfektion im ersten Trimenon kann jedoch zum kongenitalen Rötelnsyndrom (Gregg) führen, das mit Innenohrtaubheit, Katarakt, Herzfehlern und neurologischen Schäden einhergeht [9].
Impfempfehlung
Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die zweizeitige MMR-Impfung im Alter von 11 und 15 Monaten [10]. Die Impfung schützt zuverlässig vor schweren Verläufen und Komplikationen; zur Masernelimination ist eine Impfquote von ≥ 95 % mit zwei Dosen erforderlich [1, 11].
Zur Postexpositionsprophylaxe kann bei ungeimpften, immunkompetenten Kontaktpersonen innerhalb von 72 Stunden eine MMR-Impfung erfolgen. Bei Risikopersonen ist die Gabe von Immunglobulinen zu erwägen [1, 10]. Bei schweren Masern-Verläufen kann off-label Ribavirin diskutiert werden; bei hospitalisierten Kindern mit Masern, insbesondere aus Regionen mit Vitamin-A-Mangel, reduziert die Vitamin-A-Gabe die Morbidität und Mortalität [11].
Impfquoten
Nach Angaben des RKI sind die Impfquoten für die erste MMR-Dosis bundesweit hoch, die zweite Dosis erfolgt jedoch regional unterschiedlich häufig [10].
Das seit 2020 geltende Masernschutzgesetz mit Impfpflicht für Kinder in Kitas und Schulen sowie für dort tätiges Personal hat die Impfquoten verbessert, bestehende Impflücken jedoch nicht vollständig geschlossen [12]. Unzureichende Durchimpfung begünstigt weiterhin Ausbrüche und gefährdet insbesondere Säuglinge und immunsupprimierte Kinder. Eine konsequente und zeitgerechte Impfberatung bleibt daher zentrale Aufgabe der pädiatrischen Praxis.
- Masern sind hochkontagiös (aerogene Übertragung) bereits vor Exanthembeginn oder als mitigierte Verläufe.
- Masern, Mumps und Röteln sind keine harmlosen Kinderkrankheiten: Schwere neurologische und systemische Komplikationen sind möglich und prognosebestimmend:
- Masern: Akute Enzephalitis (1:500 – 1:2.000; 10 – 20 % Letalität), ADEM (1:1.000), Einschlusskörperenzephalitis bei Immunsuppression sowie SSPE im Kleinkindalter (1:1.700 – 1:3.300; stets letal).
- Mumps: Aseptische Meningitis (bis 10 %), Orchitis bei postpubertären Jungen (bis 30 %) mit möglicher Fertilitätsbeeinträchtigung.
- Röteln: Meist mild, in der Schwangerschaft jedoch hohes Risiko eines kongenitalen Rötelnsyndroms mit schweren Fehlbildungen.
- Die zeitgerechte (11 und 15 Monate) MMR-Impfung ist die wirksamste Prävention; für die Masernelimination sind ≥ 95 % Impfquote erforderlich.
|
|
Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (3) Seite 207-209
