Initiative Bewusstsein schaffen für Entwicklungsstörungen der motorischen KoordinationUngeschickt, langsam und ungenau im Alltag: Mit einer Prävalenz von 5 – 9 % in Deutschland zählen Entwicklungsstörungen der motorischen Koordination (EMK) zu den häufigsten Entwicklungsstörungen im Kindesalter. Im Folgenden werden Erscheinungsbild, Diagnostik, Grundlagen und Behandlungsmöglichkeiten dargestellt.

Nicht alle Kinder mit motorischen Schwierigkeiten erhalten eine solche Unterstützung wie in unserem exemplarischen Fall (siehe Kasten). Geringes Bewusstsein, begrenztes Wissen über aktuelle Therapieansätze und begrenzte Kapazitäten in ergo- und physiotherapeutischen Praxen können zu Unterversorgung führen. Die Entwicklungsstörung der motorischen Koordination ist in der allgemeinen Bevölkerung wenig bekannt und stellt für Betroffene ein persistierendes Problem dar, aus dem sie nicht zwangsläufig herauswachsen.

Im Folgenden werden Diagnostik, Erscheinungsbild, neurokognitive Grundlagen, Alltagskonsequenzen und evidenzbasierte Behandlungsmöglichkeiten von Entwicklungsstörungen der motorischen Koordination dargestellt.

Warum sollten wir das Bewusstsein für die Entwicklungsstörung der motorischen Koordination fördern?

In der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 11. Revision (ICD-11) findet im Vergleich zur ICD-10 eine stärkere Berücksichtigung der Entwicklungsdynamiken im Kindes- und Jugendalter wie auch in der lebenslangen Perspektive statt. Die "Entwicklungsstörung der motorischen Koordination" (EMK, engl., Developmental motor coordination disorder, Code 6A04) – vormals "umschriebene Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen" (UEMF; F82 in ICD-10) – wird nun der Kategorie neuromentale Entwicklungsstörungen zugeordnet (6A00–6A0Z). Die in dieser Kategorie zusammengefassten Störungsbilder sind alle durch genetisch bedingte Besonderheiten der Wahrnehmung, der Emotionsverarbeitung, der allgemeinen und sozialen Kognition, der Sprache und der Motorik gekennzeichnet. Diese zeigen sich in der Regel bereits in der ersten Lebensdekade.

Mit einer Prävalenz von 7 % bei Jungen und 4 % bei Mädchen weltweit [1] sowie 5 – 9 % in Deutschland (Diagnosecode F82; Barmer Arztreport 2023; AOK Heilmittelbericht 2024) zählt EMK zu den häufigsten Entwicklungsstörungen im Kindesalter (Abb. 1). Die Behandlungsfrequenz liegt bei vorliegender Diagnose bei 18 Behandlungen je Patient. Das Wissen in der medizinisch-psychologischen Fachwelt über EMK ist jedoch sehr heterogen, eine Diagnose EMK wird nicht immer gestellt. In einer aktuellen Studie mit 346 Teilnehmern aus verschiedenen Berufsgruppen (Psychologie, Ergotherapie, Physiotherapie, Allgemeinmedizin und Pädiatrie) hatten 58 % der Teilnehmer von EMK gehört, aber nur 42 % hatten Menschen mit EMK behandelt [2]. Die Teilnehmer dieser Studie gaben häufig eine falsche Diagnose für die Fallvignette an (35 % richtige Antworten), aber dennoch korrekte Behandlungsempfehlungen (61 % richtige Antworten).

EMK: Einführung in das Störungsbild

Die Diagnose: Wie wird EMK untersucht und erkannt?

Die Diagnose von EMK basiert auf 4 Kriterien gemäß dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5th Edition [DSM-5-TR; APA, 2022] bzw. der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-11; WHO [3, 4]). Die klinische Bewertung von EMK umfasst verschiedene Schritte, darunter Screening, Anamneseerhebung, klinische Untersuchung sowie eine standardisierte diagnostische Bewertung (siehe auch deutsch-österreichisch-schweizerische Versorgungsleitlinie zu Definition, Diagnostik, Behandlung und psychosozialen Aspekten bei EMK [5]; siehe
Tab. 1).

Gemeinsame Merkmale der EMK sind eine langsame, ineffiziente und oft unkoordinierte Ausführung fein- und grobmotorischer Bewegungen. Das Störungsbild ist jedoch heterogen: In einer großen Datenbankstudie wurden 4 Subtypen identifiziert, die sich hinsichtlich Fein- und Grobmotorik, visuell-motorischer Integration und kognitiver Fähigkeiten unterscheiden [6]. Bei etwa der Hälfte der Kinder fanden sich Hinweise auf generalisierte motorische Beeinträchtigungen. EMK tritt zudem häufig gemeinsam mit anderen Entwicklungsstörungen wie Autismus-Spektrum-Störung (ASD) und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) auf. Etwa bei der Hälfte der diagnostizierten Kinder persistieren die motorischen Schwierigkeiten bis ins Jugend- und Erwachsenenalter [7]. Eine frühzeitige Erkennung ist daher entscheidend, um rechtzeitig evidenzbasierte Interventionen einzuleiten und das soziale Umfeld in Schule, Familie und Freizeit gezielt einzubeziehen.

Neuro- und psychophysiologische sowie genetische Mechanismen

Die mühsamen und unkoordinierten Bewegungen von Kindern mit EMK sind nicht Ausdruck mangelnder Anstrengung, sondern Folge einer neurologischen Entwicklungsstörung, die motorisch-kognitive Systeme betrifft (Abb. 2).

Meta-analytische und experimentelle Arbeiten beschreiben zentrale Defizite in visuell-motorischer Zuordnung, kognitiv-motorischer Integration und prädiktiver Kontrolle, wie sie in der internen Modellierungshypothese formuliert sind [8]. Diese Probleme treten insbesondere bei komplexen oder dualen Aufgaben zutage und stehen in engem Zusammenhang mit Beeinträchtigungen exekutiver Funktionen, deren Risiko bei Kindern mit persistierender EMK deutlich erhöht ist [9]. Neuroimaging-Studien zeigen Funktions- und Strukturveränderungen in parietal-frontalen sowie parieto/fronto-zerebellären Netzwerken, einschließlich reduzierter Konnektivität in sensorisch-motorischen Bahnen [8]. Diese Befunde werden als Hinweis auf eine verzögerte Reifung bzw. partielle Diskonnektion interpretiert und untermauern die Annahme gestörter motorisch-kognitiver und wahrnehmungsmotorischer Integration.

EMK-Betroffene haben oft Schwierigkeiten bei Aufgaben, die eine präzise visuelle Führung von Bewegungen erfordern. Verantwortlich hierfür ist eine gestörte visuomotorische Integration, die auf Defizite in der Verarbeitung zwischen dem dorsalen Strom (Handlungssteuerung) und dem ventralen Strom (Wahrnehmung) hindeutet. Der dorsale Strom (Parietallappen) ist auf die Echtzeit-Handlungsführung spezialisiert, der ventrale Strom (Temporallappen) auf die Objekterkennung [8]. Motorische Beeinträchtigungen können aus komplexen Wechselwirkungen zwischen Umwelt- und genetischen Faktoren resultieren. Epigenetische Mechanismen wie DNA-Methylierung und Histonmodifikationen können eine Schlüsselrolle bei der Vermittlung dieser Wechselwirkungen spielen [10]. Obwohl Kinder und Erwachsene mit EMK adaptive und kompensatorische Strategien entwickeln, bleiben diese oft ressourcenintensiv und können die funktionellen Einschränkungen im Alltag nur teilweise ausgleichen [11].

Nur ein motorisches Problem?

Die motorischen Schwierigkeiten bei EMK wirken weit über den Bewegungsbereich hinaus und beeinträchtigen schulische Leistungen, soziale Beziehungen, Beschäftigungsmöglichkeiten, die körperliche Gesundheit und die Lebensqualität [12 – 15]. Kinder zeigen früh Einschränkungen in Selbstversorgungsfertigkeiten wie Essen, Körperpflege und Anziehen und benötigen häufig längerfristig Unterstützung; kompensatorische Strategien können dabei zu Auffälligkeiten im Erscheinungsbild und zu sozialen Reaktionen führen [16]. In Kindergarten, Schule und Freizeit werden motorische Probleme oft als mangelnde Anstrengung oder Unaufmerksamkeit missverstanden, was die Teilnahme an schriftlichen, feinmotorischen und sportlichen Aktivitäten einschränkt und wiederholte Erfahrungen von Überforderung und Misslingen begünstigt [14, 17]. Diese Erfahrungen erhöhen das Risiko für Mobbing, soziale Isolation, depressiv ängstliche Symptomatik, geringes Selbstwertgefühl und eine über die Kindheit hinaus anhaltend reduzierte gesundheitsbezogene Lebensqualität [7] (Abb. 1).

Für viele Betroffene bleiben motorische Kontrolldefizite und ihre Folgen bis ins Jugend- und Erwachsenenalter bestehen. Jugendliche und junge Erwachsene mit EMK erleben neue Anforderungen – etwa Autofahren, Studium oder komplexe berufliche Tätigkeiten – als besonders herausfordernd, da Bewegungen weiterhin langsamer, weniger automatisiert und variabler bleiben [18]. Ganganalysen und Studien zu Greif- und Schreibbewegungen zeigen, dass Erwachsene mit EMK unter erschwerten Bedingungen auf vorsichtigere, ressourcenintensive Bewegungsstrategien zurückgreifen und bei schriftlichen Aufgaben trotz adäquater Intelligenz weniger effizient arbeiten [19 – 21]. Dies kann Bildungswege, Berufswahl und berufliche Leistung einschränken und die Teilhabe an Freizeitaktivitäten, Sport und Gruppeninteraktionen erschweren, was wiederum mit emotionaler Belastung und einer beeinträchtigten Lebensqualität verbunden ist [17].

Kinder und Jugendliche mit EMK sind im Durchschnitt körperlich weniger aktiv [12, 22], nehmen seltener an freiem Spiel und organisiertem Sport teil und erleben Bewegungssituationen häufiger als frustrierend [23]. Der daraus resultierende sitzende Lebensstil erhöht das Risiko für kardiometabolische und muskuloskelettale Gesundheitsprobleme und reduziert zugleich Gelegenheiten für soziale Teilhabe. Neben motorischen und motivationalen Faktoren spielt das soziale Umfeld eine zentrale Rolle: Fehlendes Wissen über EMK, unzureichende Anpassung von Aufgaben und geringe Unterstützung durch Gleichaltrige, Lehrkräfte und Familie können Teilhabe erheblich begrenzen [14, 17]. Umgekehrt können unterstützende soziale Netzwerke – offline wie online – Motivation, Selbstwirksamkeit und Beteiligung an körperlicher Aktivität fördern [24]. Studien zeigen, dass die Aktivität von Freunden und die Qualität der Beziehungen entscheidend dazu beitragen, ob Kinder und Jugendliche mit EMK einen aktiven Lebensstil entwickeln und aufrechterhalten [25].

Wie kann Menschen mit EMK geholfen werden? Was hilft, mit der Störung zu leben und die Symptome zu mildern?

Interventionen, die darauf abzielen, die Folgeerscheinungen von EMK zu minimieren, erfordern die Entwicklung geeigneter Modelle, die den komplexen Charakter dieser Interaktion reflektieren. Die Herausforderungen, die hier adressiert werden, betreffen verschiedene Personen des Gesundheitswesens, wie beispielsweise den Schulpsychologen, die Therapeuten oder auch die pädagogische, klinische und Arbeitspsychologie. Für die Bearbeitung dieser Herausforderungen ist ein interdisziplinärer Ansatz – basierend auf der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) – erforderlich, der zudem einen personenzentrierten Ansatz verfolgt (vgl. Abb. 3).

Tal-Saban und Kirby [18] empfehlen, dass Interventionsprogramme auf der Grundlage von biopsychosozialen und ökologischen Modellen entwickelt werden. Der biopsychosoziale Ansatz beschreibt den Gesundheitszustand als Ergebnis dynamischer Wechselwirkungen zwischen biologischen (z. B. genetischen), psychologischen (z. B. Stimmung, Verhalten) und sozialen Faktoren (z. B. Familie, Kultur, sozioökonomische Lage). Gemäß dem biopsychosozialen Modell ist es von entscheidender Bedeutung, alle drei Faktoren in ihrer Gesamtheit zu berücksichtigen, um das Engagement und die Verbesserung der Funktionsfähigkeit bei Personen mit motorischen und/oder kognitiven Herausforderungen zu fördern [26]. Der ökologische Ansatz fokussiert sich auf das Umfeld der Person und dessen Einfluss auf Entwicklung und Teilhabe. Es ist ebenfalls von Bedeutung, dass Fachkräfte, die mit Personen mit EMK arbeiten, andere (z. B. Arbeitgeber, Lehrer und Erzieher, die möglicherweise regelmäßig in Kontakt stehen, jedoch nicht direkt als Unterstützer der Person wahrgenommen werden) über EMK informieren, einschließlich der Symptome, Anzeichen und Auswirkungen von EMK auf verschiedene Lebensbereiche. Für sie ist es von großer Bedeutung, über alle Entwicklungsstörungen informiert zu sein, um die Notwendigkeit der Veränderung der Umgebung oder Anpassung der Aufgaben zu erkennen.

Positiv zu vermerken ist, dass Kinder und Jugendliche mit EMK im Alltag trotz alledem gut funktionieren können. Sie können ihre eigenen Strategien zur Bewältigung des täglichen Lebens finden, und es wurde als wichtig erachtet, dass Fachleute diese individuellen Strategien anerkennen [27]; (siehe auch Abb. 3). Die Sensibilisierung der Bezugspersonen von betroffenen Menschen für EMK und ihre Folgen ist wahrscheinlich ein wichtiger Faktor, um die soziale Unterstützung (interpersonal), den Selbstwert (intrapersonal) und die Bewegungskompetenz zu verbessern. Die Resilienz gegenüber der Entwicklung von Sekundärproblemen wie psychischer Belastung und körperlicher Inaktivität ist ebenfalls ein wichtiges Thema der jüngsten Forschung. So beschreibt die Umweltstress-Hypothese sowohl intra- als auch interpersonelle Faktoren, die den Zusammenhang zwischen beeinträchtigten motorischen Fertigkeiten und internalisierenden Problemen vermitteln können [28].

Erfreulicherweise hat sich gezeigt, dass sich die Situation von Kindern mit EMK durch relativ kurze Interventionen verbessern kann, die von Fachkräften des Gesundheits- sowie des Arbeits- und Organisationswesens mit der entsprechenden Ausbildung und Erfahrung durchgeführt werden [5]; (siehe auch Abb. 3). Die Interventionen sollten auf den der betroffenen Person mit EMK und ihrer Familie gesetzten Zielen beruhen und darauf abzielen, die Aktivität und Beteiligung an motorischen Aufgaben zu verbessern, die von Alltagsfertigkeiten bis hin zu Sport- und Freizeitaktivitäten reichen können. Es hat sich gezeigt, dass eine Reihe von Ansätzen hilfreich sein kann, einschließlich (aber nicht beschränkt auf) aufgabenspezifisches Training, CO-OP-Training (Cognitive Orientation to Daily Occupational Performance), neuromotorisches Aufgabentraining (NTT) und mentales Training [29]. Wurde die Handschrift als Ziel identifiziert, wird eine Kombination aus aufgabenspezifischem und Tastaturtraining empfohlen [5]. Auch der Einsatz aktiver Videospiele hat erste vielversprechende Ergebnisse gezeigt und kann als Ergänzung zu traditionelleren Ansätzen eingesetzt werden [30].

Gruppeninterventionen mit 4 bis 6 Kindern, die von einem Therapeuten und bei Bedarf von einem Assistenten begleitet werden, haben nachweislich große Auswirkungen auf die motorische Leistung, aber dieser Ansatz sollte weiter erforscht werden [31]. Es sind weitere Untersuchungen erforderlich, um die optimale Zeitplanung, Intensität und Dosis der Intervention zu bestimmen, aber die bisherigen Studien, die positive Ergebnisse für ein oder zwei konkrete Ziele (z. B. T-Shirt anziehen oder Seilspringen) zeigten, reichten von 2 bis 18 Wochen mit einem Durchschnitt von 10 Wochen. Längere Interventionsprotokolle (20 – 30 Stunden) scheinen nicht wirksamer zu sein als kürzere (10 – 15 Stunden) [5]. Allerdings muss auch festgehalten werden, dass die Interventionen bisher an der Verbesserung von Symptomen arbeiten, die EMK selbst aber weiter bestehen bleibt.

Schlussfolgerung

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit EMK sehen sich mit Herausforderungen konfrontiert, die über den motorischen Bereich hinausgehen und sich auf die Aktivitäten des täglichen Lebens sowie die berufliche Funktion über die gesamte Lebensspanne auswirken. EMK birgt das Risiko für das Auftreten von sekundären Gesundheitsstörungen, welche die physiologische Fitness sowie das psychosoziale Wohlbefinden beeinträchtigen. Die Lebensqualität von Kindern mit EMK lässt sich durch ein besseres Verständnis der Störung und eine adäquate Unterstützung ihres Umfelds wesentlich verbessern. Eine Voraussetzung hierfür ist, dass das Bewusstsein für EMK, ähnlich wie bei anderen Erkrankungen wie ADHS und ASD, in der Gesellschaft weit verbreitet ist. Die bisherigen Forschungsarbeiten haben den Weg für innovative Interventionen in der Zukunft geebnet. Für die Umsetzung dieser Forschungsergebnisse in die Praxis ist jedoch die Unterstützung von Bildungs- und Gesundheitsbehörden erforderlich, die diese Arbeit sowohl finanziell als auch im Hinblick auf die Ausbildung von Fachkräften fördern.


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Vollständige Literaturliste unter www.kipra-online.de bei diesem Artikel.

Interessenkonflikt
Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Beitrag besteht.

Korrespondenzadresse
Prof. Dr. Nadja Schott
Institut für Sport und Bewegungswissenschaft
Universität Stuttgart
Allmandring 28
70569 Stuttgart
Tel.: 07 11/68 56 30 42
E-Mail: nadja.schott@inspo.uni-stuttgart.de
© privatEin exemplarischer Fall
Der 8-jährige Paul möchte gern Sport treiben, draußen spielen und mit anderen Kindern auf dem Pausenhof aktiv sein, fühlt sich jedoch durch seine eingeschränkten motorischen Fertigkeiten gehindert. Zwischen seinen Wünschen und seinen tatsächlichen Fähigkeiten besteht eine deutliche Diskrepanz, die wiederholte Misserfolgserlebnisse zur Folge hat. Eltern und Lehrkraft haben seine Ungeschicklichkeit bereits im Kleinkindalter beobachtet und gehofft, er würde "da herauswachsen". Stattdessen nimmt seine Motivation, sich zu beteiligen, allmählich ab, er zieht sich zurück und meidet Aktivitäten, was sich negativ auf seine Fitness, sein Energieniveau und sein Selbstvertrauen auswirkt.
Im Umfeld der Familie besteht wenig Bewusstsein für motorische Probleme bei Kindern, sodass zunächst unklar bleibt, welche Unterstützung sinnvoll wäre. Nach einem Gespräch mit dem Hausarzt werden Pauls Eltern an eine pädiatrische Ergotherapie überwiesen. Die weiterführende Diagnostik führt schließlich zur Diagnose Entwicklungsstörung der motorischen Koordination. Es zeigt sich, dass Paul in vielen alltagsnahen und schulischen Situationen beeinträchtigt ist, etwa beim Anziehen, im Sportunterricht, beim Radfahren, Schreiben sowie beim Essen mit Besteck. Die Diagnose wirkt zunächst entlastend. Gleichzeitig haben die Eltern den Eindruck, dass nicht alle Probleme erfasst werden, insbesondere sein geringes Selbstvertrauen und seine Schwierigkeiten in der Tagesstrukturierung. Zugleich wird deutlich, dass Lehrkräfte über die Entwicklungsstörung der motorischen Koordination und deren Auswirkungen auf die schulische Leistungsfähigkeit kaum informiert sind. Durch das Engagement der Eltern kann Paul eine gezielte Therapie erhalten, die ihm hilft, für ihn bedeutsame motorische Fertigkeiten zu verbessern und persönliche Ziele zu erreichen.
<caption>Abb. 1: Entwicklungsstörung der motorischen Koordination (EMK): Definition, Prävalenz, Teufelskreis (in Anlehnung an [8, 32]). ADL: Aktivitäten des täglichen Lebens; IADL: Instrumentelle Aktivitäten des täglichen Lebens.</caption>

<caption>Abb. 2: Pathogenese von Entwicklungsstörungen der motorischen Koordination (eigene Darstellung, in Anlehnung an Übersichtsarbeiten von Subara-Zukic et al., You et al. [8, 10]).</caption>

<caption>Abb. 3: Biopsychosoziale Folgen von EMK bei jungen Erwachsenen, deren Wechselwirkung mit der Teilnahme an Lebensrollen sowie mögliche personenzentrierte Ansätze für Interventionen (mod. nach [18]).</caption>

Hinweis
Dieser Beitrag basiert auf der englischsprachigen Veröffentlichung der Big Ideas Group: Steenbergen B, Valtr L, Dunford C, Prunty M, Bekhuis H et al. (2024) Awareness about developmental coordination disorder. Front Public Health 12: 1345257. doi: 10.3389/fpubh.2024.1345257
Die Developmental Coordination Disorder (DCD) Big Ideas Group ist eine internationale Arbeitsgruppe, die sich dem Ziel verschrieben hat, die UEMF-Forschung in drei Hauptbereichen voranzutreiben:
  • Erstellung eines Profils der Kernprobleme und der damit verbundenen Schwierigkeiten, die diese Kinder in allen Funktionsbereichen haben;
  • Identifizierung aktueller Interventionen, die am wirksamsten sind, um diesen Kindern bei der Entwicklung ihrer motorischen Fähigkeiten und beim Aufbau von Selbst-vertrauen und Partizipation zu helfen;
  • Sensibilisierung der Öffentlichkeit und der Wissenschaft.
Dazu gehört auch, das Bewusstsein für Entwicklungsstörungen der motorischen Koordination (EMK, vormals Umschriebene Entwicklungsstörung der motorischen Funk-tionen, UEMF) bei vielen Stakeholdern zu fördern (Eltern, Therapeuten, Ärzten). Insofern möchte die Big Ideas Gruppe ihre Artikel und Materialien auch in verschiedenen Sprachen zugänglich machen. In Vorbereitung sind Versionen für die Niederlande, Frankreich, Belgien, Spanien und Tschechien.Wesentliches für die Praxis . . .
  • Das Verständnis der zugrunde liegenden Ursachen für die bei neurologischen Entwicklungsstörungen häufig auftretenden motorischen Schwierigkeiten ist für die Entwicklung wirksamer Interventionen von entscheidender Bedeutung.
  • Eine mangelnde motorische Kontrolle in Verbindung mit einem Mangel an körperlicher Aktivität macht Kinder mit neurologischen Entwicklungsstörungen anfällig für nicht übertragbare Krankheiten im späteren Leben.
  • Um eine Fertigkeit zu erlernen, müssen Kinder mit und ohne motorische Koordinationsstörungen sich bewegen und Spaß daran haben!
  • Die frühzeitige Einbindung von körperlicher Aktivität in ihren Lebensstil ist bei Kindern mit schlechten motorischen Fähigkeiten noch wichtiger.
  • Bei den meisten Spielen und Sportarten für kleine Kinder ist keine hohe Ausdauer erforderlich, sondern Kraft und Beweglichkeit.
  • Je näher die Aufgabe an dem liegt, was das Kind lernen möchte, desto besser lässt sie sich auf Alltagssituationen übertragen (aufgabenorientiertes Training).
  • Die Anpassung der Aufgaben an das Leistungsniveau des Kindes führt zu einer positiven Beteiligung.
  • Positives, aussagekräftiges Feedback gibt dem Kind ein Erfolgserlebnis (mehr als ihm zu sagen, was falsch gelaufen ist).
21. Zaguri-Vittenberg S, Weintraub N, Tal-Saban M (2024) "It feels as though I need to exert more effort than others": the experience of daily participation of young adults with developmen-tal coordination disorder (DCD) - a qualitative study. Disabil Rehabil 46(15): 3332–41
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Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (3) Seite x-x