Heute können bereits mehrere Vorstufen eines Typ-1-Diabetes (T1D) erkannt werden, lange bevor erste klinische Symptome auftreten. Welche Vorstufen sind das? Was genau wird im Rahmen der Fr1da-Studie untersucht? Wie funktioniert die T1D-Früherkennung im pädiatrischen Praxisalltag? Antworten auf diese Fragen und eigene Erfahrungen hat Dr. Franziska Schaaff, die diese Früherkennung seit über 10 Jahren in ihrer Kinderarztpraxis durchführt.
Sie nehmen seit vielen Jahren mit Ihrer Praxis an der Fr1da-Studie teil. Was wird dabei untersucht? Warum ist das für Sie persönlich wichtig?Die Fr1da-Studie wurde vor ungefähr 10 Jahren in Bayern vom Institut für Diabetesforschung (IDF), Helmholtz Munich, initiiert. Wir als Kinderärztinnen und Kinderärzte wurden damals gefragt, ob wir daran teilnehmen möchten. Ziel der Fr1da-Studie ist es, Typ-1-Diabetes bei Kindern frühzeitig zu entdecken, um die gefährliche Situation einer Ketoazidose zu vermeiden. Hintergrund ist die Tatsache, dass schon lange vor dem sichtbaren Ausbruch der Erkrankung Antikörper messbar sind – als Ausdruck der laufenden Autoimmunität. Man teilt heute den T1D in 4 Stadien ein. Dabei ist
- Stadium 1 asymptomatisch,
- Stadium 2 asymptomatisch mit Dysglykämie,
- Stadium 3 der Zeitpunkt der Manifestation und
- Stadium 4 der chronische T1D [1, 2].
In der Fr1da-Studie werden 4 Antikörper bestimmt (IAA, GADA, IA-2A und ZnT8A). Liegt eine bestimmte Kombination vor, tritt mit quasi 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein T1D auf. Allerdings kann man nicht vorhersagen, wann genau.
Aus klinischer und ambulanter Versorgung von Kindern mit Diabetes mellitus weiß ich zum einen, wie gefährlich die Phase der Stoffwechselentgleisung bei T1D ist, zum anderen, wie abhängig das Outcome in dieser Situation davon ist, wie schnell der Verdacht eines T1D gestellt wird und zur Einweisung führt, und wie gut die Patientin bzw. der Patient dann in dieser Situation in der Klinik versorgt wird. Selbst einen tödlichen Ausgang einer diabetischen Ketoazidose habe ich leider erlebt.
Zum anderen ist die psychisch-emotionale Belastung der T1D-Diagnose zum Zeitpunkt einer diabetischen Ketoazidose häufig traumatisierend, da sie mit einer lebenslangen Erkrankung und deutlichen Einschränkungen und Veränderungen im Alltag verbunden ist. Unter anderem bedürfen Notfälle wie Hyper- und Hypoglykämien einer engmaschigen Überwachung durch die Eltern, was der Selbstständigkeits- und Unabhängigkeits-Entwicklung zuwiderläuft – ebenso wie dem Wunsch der Kinder und Jugendlichen danach.
Es bietet enorme Chancen, Zeit zu gewinnen, damit Eltern, Patientinnen und Patienten sich vorab mit der Diagnose auseinandersetzen können und geplant in die Erstmanifestation starten, wenn der T1D in das Stadium der Hyperglykämie übergeht.
Neue Daten zeigen, dass der Beginn einer Therapie mit Insulin – vor einer ausgeprägten Ketoazidose (korrelierend mit der Betazell-Restfunktion) – mit einer deutlich geringeren Anzahl an Notfällen wie Hyper- und Hypoglykämien verbunden ist, mit besserer Einstellung des Glukosehaushalts mit besseren HbA1c-Werten; und damit verbunden langfristig besserem Outcome und geringeren Raten an Folgeerkrankungen. Zudem ist das langfristige Stressniveau für Patientinnen, Patienten und Familie geringer [3, 4].
Auch bietet die Identifikation von Patientinnen und Patienten im primär asymptomatischen Zustand die Möglichkeit, gegebenenfalls neue Therapiewege zu evaluieren.
Wie läuft in Ihrer Praxis die Aufklärung der Eltern? Und wie gewinnen Sie die Eltern für die Früherkennung, vermutlich sind nicht alle überzeugt davon?Die wichtigsten Punkte in der Aufklärung sind aus meiner Sicht: selbst vom Screening überzeugt zu sein, die aktuellen Daten zu kennen und Zeit für die Beratung und Aufklärung einzuräumen.
Wir klären ab der U7 bis zur U11 im Rahmen der Vorsorgen über die Möglichkeit des Fr1da-Screenings auf (Erst- und Zweitscreening). Zunächst erläutern wir die medizinischen Gesichtspunkte, die aus unserer Sicht ein Screening medizinisch sinnvoll machen.
Unter anderem ist es wichtig, bestimmte Vorannahmen auszuräumen, z. B., dass T1D nur in schon betroffenen Familien vorkommt. Denn das Gegenteil ist der Fall: Ca. 85 – 90 % der Fälle treten in vorher nicht betroffenen Familien auf, wenngleich Kinder aus Familien mit T1D natürlich individuell ein höheres Risiko haben.
Zudem legen wir Wert darauf, die medizinischen Vorteile einer Frühdiagnose vor den klinischen Zeichen des T1D zu erläutern (s. o. besseres langfristiges Outcome, weniger Notfälle, geringere psychosoziale Dauerbelastung). Eine Bewertung, dass wir das Screening aus medizinischen Gesichtspunkten für sinnvoll erachten, ist für die Eltern bedeutsam.
Andererseits halten wir es auch für wichtig, den Eltern bewusst zu machen, dass das Wissen um die Diagnose, nicht aber den Zeitpunkt der Diabetes-Manifestation zu kennen, belastend sein kann. Manche Eltern würden das Leben mit dem Wissen um die drohende Diagnose als eines unter einem Damoklesschwert empfinden. Für diese ist ein Screening unter Umständen nicht hilfreich. Einen geplanten Versicherungswechsel in eine private Versicherung würde ich persönlich vor dem Screening durchführen.
Wann und wie genau erfolgt die Umsetzung bei Ihnen?Wir haben ein festes Schema in der Praxis festgelegt, in dem wir die Informationsflyer bei den Vorsorgeuntersuchungen U7 bis U11 den Unterlagen beilegen. Wir als Ärztinnen und Ärzte klären bei diesen Gelegenheiten zur Fr1da-Studie auf. Sind die Eltern überzeugt, das Screening machen zu wollen, wird es direkt im Anschluss an die Vorsorge durchgeführt: Ausfüllen eines Fragebogens und der Einverständniserklärung durch die Eltern und kapilläre Blutentnahme zum Versand an das Labor des Instituts für Diabetesforschung. Bietet man dies nicht an, würde das Screening häufig in Vergessenheit geraten. Einige Eltern wollen das Screening erst mit der Familie besprechen, sodass man selbstverständlich auch Termine für das Screening vereinbaren kann. Andere möchten dies durchführen lassen, wenn sowieso Blut abgenommen wird (z. B. bei einem Infekt).
Wenn venöse Blutentnahmen anstehen, fragen wir explizit auch noch einmal nach, ob ein Fr1da-Screening/-Zweitscreening erwünscht ist, da es dann ohne "Extra-Piks" durchgeführt werden kann.
Wir haben eine Fr1da-Beauftragte in der Praxis, die sich um den zuverlässigen Versand kümmert und alle Ergebnisse (auch die negativen) kommuniziert. Manchmal ist es notwendig, weiteres Blut abzunehmen, auch dies wird von ihr organisiert.
Sie machen diese Früherkennung nun schon viele Jahre. Wie viele positive Fälle gab es in dieser Zeit?Wir sind tatsächlich seit Einführung der Fr1da-Studie dabei, das ist jetzt über 10 Jahre. Mit der Zeit hat die Zahl der Patientinnen und Patienten, die am Screening teilnehmen, deutlich zugenommen.
Wir hatten insgesamt 4 positive Fälle, davon waren aber 3 bereits diagnostiziert, als das Fr1da-Ergebnis zurückkam. Im Fall eines positiven Zweitscreenings befindet sich das Kind in der Überwachungsphase.
Was tun Sie, wenn es tatsächlich einen positiven Screening-Fall gibt? Wie geht es dann weiter?Bei einem auffälligen Screening wird zunächst noch einmal Blut zur Bestätigung angefordert. Wenn es sich tatsächlich um ein Verdachtsfall handelt, informieren wir Ärztinnen und Ärzte die Eltern, da dies häufig Fragen aufwirft. Diese möchten wir natürlich möglichst genau und persönlich beantworten. In unserer Region ist es so organisiert, dass wir Kinder mit einem Prädiabetes im Rahmen der Studie an zwei verschiedenen Zentren anbinden können. Zunächst einmal wird das Stadium des T1D, in dem sich die Patientin oder der Patient befindet, untersucht. Hierfür sind Zuckermessungen, ggf. ein oraler Glukosetoleranztest etc. erforderlich.
Besonders für das Kind oder den Jugendlichen und die Eltern ist die ausführliche Aufklärung zum T1D wichtig und die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Die Familie lernt sehr viel über Ernährung, deren Zusammensetzung, die Berechnung von Broteinheiten (BEs), aber auch technische Dinge wie Blutzucker messen. Die Eltern, Patientinnen und Patienten erhalten die Maßgabe, im Rahmen von Infekten oder Malaise den Blutzucker zu messen und die Werte an das entsprechende Zentrum zurückzumelden.
Anhand der erhobenen Daten wird der nächste Kontrollzeitpunkt festgelegt und auch eine Abschätzung gegeben, dass z. B. im nächsten Jahr nicht das Auftreten eines Diabetes erwartet wird.
Wir als betreuende Kinderärztinnen und Kinderärzte müssen regelmäßig wieder Blut abnehmen und an das Institut für Diabetesforschung (IDF), Helmholtz Munich,zur Analyse versenden. Selbstverständlich kommen im Rahmen dessen auch immer wieder Fragen auf, die die Kinder und Jugendlichen oder deren Eltern an uns adressieren.
Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (3) Seite x-x
