Seit über 20 Jahren engagiert sich die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) für gute Frühe Betreuung, Bildung und Erziehung. Der folgende Beitrag gibt einen Überblick über die Aktivitäten der Fachgesellschaft in dieser Zeit und beschreibt den aktuellen Status quo, Herausforderungen und Perspektiven der institutionellen frühkindlichen Betreuung in Deutschland.

Ihrem Leitbild entsprechend versteht sich die DGSPJ als Mandatsträger für Rechte und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen. Auf dem Boden eines umfassenden salutogenetischen Verständnisses von Gesundheit nimmt sie dabei die Lebenswelten in den Blick, in denen Kinder leben, lernen, interagieren, sich entwickeln und zu eigenständigen Individuen heranwachsen. Dazu gehören – auch und gerade, mit zunehmender Bedeutung – die institutionellen Settings von frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE).

Vor diesem Hintergrund beschreibt dieser Beitrag die Aktivitäten, die die DGSPJ seit Beginn der intensiveren gesellschaftlichen und politischen Befassung mit früher Betreuung verfolgt hat. Dafür ist ein Blick auf die im weitesten Sinne beeinflussbaren Entwicklungen und Gestaltungsprozesse in Deutschland unabdingbar.

Im anschließenden Beitrag "Frühe Bildung, Betreuung und Erziehung im internationalen Vergleich" beleuchtet und analysiert Anna Philippi die Betreuungstradition und -praxis zweier Nachbarländer. Er stellt ein wichtiges Modul eines aktuellen Projekts der DGSPJ dar, dessen Entstehungsgeschichte dargestellt und dessen Ziele im Folgenden abgeleitet werden.

Seit über 20 Jahren engagiert sich die DGSPJ für gute Frühe Betreuung, Bildung und Erziehung (FBBE)

Seit Beginn des Jahrtausends beschäftigt sich Europa gezielter mit der Situation früher institutioneller Betreuung. Erste Konsequenz war ein Beschluss des Europäischen Rates, bis 2010 für mindestens ein Drittel der Kinder unter 3 Jahren einen Betreuungsplatz vorzuhalten. Deutschland konkretisierte dies am 01. 01. 2005 mit dem Gesetz zum qualitätsorientierten und bedarfsgerechten Ausbau der Tagesbetreuung für Kinder (TAG). Einen weiteren Meilenstein setzte das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) im März 2008 mit dem Kinderförderungsgesetz, das den Aufbau von Kita-Plätzen für Kinder unter 3 Jahren weiter vorantrieb und am 01. 08. 2013 sogar einen Rechtsanspruch formulierte. Nicht zuletzt sollten dadurch für Länder und Kommunen Ausbauimpulse gegeben werden.

Schon in den ersten Jahren des Jahrtausends hat die DGSPJ die Thematik aufgegriffen. Denn bei der politischen Akzentuierung der Betreuungserfordernisse im Kontext von elterlicher Erwerbstätigkeit sollten grundlegende Bedarfe der Kinder nicht in den Hintergrund rücken.

So entwickelte die DGSPJ 2008 erste Empfehlungen für frühe institutionelle Betreuung, die als Positionspapier der DGSPJ zu Qualitätskriterien institutioneller Betreuung von Kindern unter drei Jahren (Kurz- und Langversion) in der Fachwelt beachtet und vielfach zitiert wurden. Das Papier berücksichtigte die seinerzeit vorliegende Evidenzlage, die Erfahrungen mit den Kinderbetreuungsgesetzen der Europäischen Union sowie die damaligen Rahmenbedingungen. Wesentliche Parameter, wie z. B. der empfohlene Betreuungsschlüssel, stehen nach wie vor im Einklang mit den Empfehlungen anderer Organisationen.

Angesichts großer Heterogenität in der Ausgangslage verfolgt das BMFSFJ (heute: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend; BMBFSFJ)schon seit etwa 12 Jahren das Anliegen, zu einer Angleichung der Betreuungsrealitäten bis hin zu bundesweiten Standards zu gelangen. Der Prozess wurde als Bund-Länder-Dialog mit Einbezug von Experten verschiedenster Schwerpunkte gestaltet.

Schlüsselbegriff Qualität: Sozialpädiatrische Expertise wurde in den Qualitätsentwicklungsprozess einbezogen

Eine Autorengruppe des Instituts für Psychosoziale Prävention am Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universität Heidelberg hat 2020 – auf der Grundlage eines systematischen Reviews der empirischen Studien – ein klares, simpel anmutendes Fazit gezogen: "Eine U3-Betreuung kann empfohlen werden, wenn sie … Qualitätsmerkmale ausweist." Zweifelsohne gehören Betreuungsrelation und Fachkräfteausstattung zu den wesentlichen Strukturmerkmalen. In der NUBBEK-Studie (Laufzeit 2009 bis 2012, Abschlussbericht 2013) wurden systematisch pädagogische Prozessqualität und ihre Auswirkungen untersucht. Das Ergebnis war ernüchternd: In den erfassten Einrichtungen ließ sich die Prozessqualität im Durchschnitt nur als mittelmäßig klassifizieren. Andererseits zeigte sich aber auch sehr deutlich, dass Kinder, die aus verschiedenen Gründen benachteiligt waren, in besonderem Maße von der pädagogischen Qualität in der Kita profitieren.

Im Rahmen des Kita-Qualitätsgesetzes wurden die Länder vom Bund mit ca. 4 Mrd. Euro in den Jahren 2023 und 2024 unterstützt. Sie hatten verbindlich in vorrangige Handlungsfelder zu investieren, von denen eines auf Maßnahmen in den Bereichen Gesundheit, Ernährung und Bewegung abzielt. Die Aufnahme dieses Handlungsfelds erfolgte auf Initiative der Verfasserin. Im Gefolge der mehrjährigen Begleitung und Unterstützung des Qualitätsentwicklungsprozesses und des damit verbundenen Bund-Länder-Dialogs entstand ein vertrauensvoll zusammenarbeitendes Netzwerk, zu dem auf Länderebene Gestaltende, Träger- und Elternverbände, Fachberatungsvertreter, Ansprechpartner im Deutschen Jugendinstitut (DJI) ihren Beitrag leisteten. Das Kindertagesbetreuungsgesetz (KiTaG) wurde in ein Qualitätsgesetz mit bundesweiten Standards überführt. Ein Schwerpunkt sollte auf der Verbesserung bzw. Angleichung der Betreuungsrelation liegen.

Nicht nur die gesetzgeberischen Rahmenbedingungen haben sich stark verändert

Wenn man die Zeitspanne von 2005 bis heute in den Blick nimmt, sind insgesamt 9 Familienministerinnen mit der Thematik FBBE befasst gewesen. In den vergangenen 20 Jahren haben sich wie im Zeitraffertempo familien-, beschäftigungs- und gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen stark verändert. Anna Philippi beschreibt dies in ihrem Artikel prägnant und stellt Vergleiche mit den Nachbarländern Frankreich und Dänemark an. Dies erfolgt im Hinblick darauf, welchen Impact bestehende kulturelle und historische Unterschiede auf die Betreuungsrealität haben.

So entwickeln sich eben auch die Lebensentwürfe von jungen Familien mit unterschiedlicher Dynamik und Ausrichtung. Grundsätzlich sind sie viel heterogener und komplexer geworden und werden häufig flexibel angepasst. Sie fußen weniger auf "klassischen" Rollenverteilungen: Familien von heute sind weitgehend Gemeinschaften geworden, in denen Aufgabenverteilungen wie Erwerbstätigkeit und Care-Aufgaben zunehmend verhandelt und angepasst werden, sofern die sozioökonomische Situation dies zulässt. Natürlich gibt es Situationen, in denen für die Erwerbstätigkeit der (Haupt-)Betreuungsperson(en) eine verlässliche institutionelle Kinderbetreuung unabdingbare Voraussetzung ist. Sofern für die Familie ein Gestaltungsspielraum besteht, ist das Arrangement verständlicherweise stark abhängig davon, ob, wo und in welcher Weise Möglichkeiten (flexibler) institutioneller Betreuung für den Nachwuchs bestehen. Eltern fordern ein bedarfsgerechtes Angebot, das die Vielfalt der Bedarfe der Familien berücksichtigt. Erfreulicherweise zeigt sich eine Entwicklung, die mit einer deutlich stärkeren Übernahme von Betreuungsverantwortung durch die Väter einhergeht.

Der Status quo der Frühbetreuung in Deutschland weist viele Ungleichheiten auf

Trotz des bestehenden Rechtsanspruchs ist die Umsetzung in der Gesamtheit nicht zufriedenstellend. Einer Umfrage zufolge konnte die Betreuungsquote mit knapp 35 % im Jahre 2021 den Elternwünschen nicht gerecht werden. Dabei sind Bundesländer und Kommunen sehr heterogen aufgestellt. Einzelne Eltern führen Klagen gegen die jeweilige Kommune, wenn für ihr Kind kein Betreuungsplatz zur Verfügung gestellt wird, andere suchen private Alternativen oder resignieren – für das Kind sicherlich die ungünstigste Variante. Sie wird vornehmlich von sozioökonomisch benachteiligten und/oder bildungsfernen Eltern gewählt; dadurch erhöht sich die Gefahr von Anregungsarmut für das Kind: Ihm werden weniger wichtige Impulse und Anregungen in einer sensiblen Entwicklungsphase zuteil. Es entsteht die Gefahr, dass sich Problematiken transgenerational verfestigen. So fordert die interministerielle Arbeitsgruppe nach Corona dezidiert, zu diesen Familien einen niedrigschwelligen Zugang zu suchen und sie nicht bei der Platzvergabe in den Kommunen zu benachteiligen.

Die Unterschiede in der Inanspruchnahme von Betreuungsangeboten hängen in hohem Maße vom Erwerbsstatus der Eltern, vornehmlich der Mütter ab: Daten von 2020 zeigen, dass im Alter von 3 bis 6 Jahren nahezu alle Kinder (92 %) von erwerbstätigen Frauen institutionelle FBBE in Anspruch nehmen, für die Kinder nicht erwerbstätiger Mütter liegt die Quote lediglich bei 76 %.

DGSPJ-Auftrag: Ein differenzierter und multiperspektivischer Blick tut not

Vor dem Hintergrund der geschilderten Entwicklungen und politischen Gestaltungsvorhaben lag eine Überarbeitung und Aktualisierung der vorgenannten DGSPJ-Stellungnahmen nahe, die sozialpädiatrische Aspekte besonders berücksichtigt. Den Startschuss dazu gab das Präsidium der DGSPJ, namentlich Prof. Heidrun Thaiss, Prof. Volker Mall und Dr. Andreas Oberle: Gemeinsam wurde im Frühjahr 2024 der Beschluss zu einer solchen Novellierung gefasst. Unter Federführung der Verfasserin dieses Beitrags soll eine Stellungnahme erarbeitet werden, die sich zum einen an den Gesundheits- und Entwicklungsbedürfnissen der Kinder, zum anderen an der Diversität heutiger Lebensumstände und Lebensentwürfe junger Familien orientiert.

Dies setzt eine Identifikation und kritische Bewertung der aktuellen wissenschaftlichen Grundlagen voraus und führt ggf. auch zum Aufzeigen von Evidenzlücken. Chancen und Risiken einer institutionellen Betreuung auch schon im ersten Lebensjahr sollen dar- und gegenübergestellt werden, um jungen Eltern eine gute Grundlage für ihre individuelle Entscheidung zu liefern. Dabei soll die sich verändernde Rolle der Väter in den Blick genommen werden, insbesondere unter dem Aspekt einer vollverantwortlichen Mitbeteiligung. Auch im Hinblick auf (sozial-)pädiatrische Beratung sollten die Kriterien möglichst spezifisch für die Altersgruppe 0 bis 1, 1 bis 3 und über 3 Jahre formuliert werden. Zudem sind nach Möglichkeit Empfehlungen für Rahmenbedingungen zu entwickeln, unter denen eine institutionelle Betreuung auch im ersten Lebensjahr gelingen kann.

Vor dem Hintergrund, dass in anderen europäischen Ländern frühe institutionelle Betreuung deutlich länger und stärker verankert ist (so besuchen z. B. in Schweden ca. 90 % der Kinder über 18 Monate eine Kita), sei dabei auf die Erfahrungen mit Betreuungsstrukturen, -modellen und Erfahrungen in anderen Ländern zu rekurrieren. Von daher ist der nachfolgende Beitrag von Anna Philippi ein wichtiger Baustein der in Arbeit befindlichen Expertise.

Die Expertise der DGSPJ erfährt unverändert hohe Beachtung

Dieser Kontext gibt Gelegenheit auszuführen, in welcher Weise DGSPJ und DAKJ bzw. die Nachfolgeorganisation Bündnis KJG Themen um frühe Betreuung aufgegriffen und in welchen Kontexten ihre Expertisen gefragt waren und sind. Das erwähnte Qualitätspapier von 2008 ist die erste nach außen sichtbare Aktivität. Es folgten Memoranden und Anpassungen der Stellungnahme, die den heutigen Rahmenbedingungen und Anforderungen aber nicht mehr entsprechen. Anfang des Jahrtausends, in der Vorbereitungszeit des Kinderförderungsgesetzes, gründete Prof. Nentwich die Kommission "Frühe Betreuung und Kindergesundheit" in der damaligen DAKJ und trieb die Befassung mit dem Thema "Frühe Betreuung" voran. Seit Gründung ist die Verfasserin dieses Beitrags Sprecherin dieser aktiven Kommission, in der Vertreter von DGKJ, BVKJ, KNW und BeKD konzertiert zusammenarbeiten. Die Website www.buendnis-kjg.de gibt dazu nähere Informationen und verweist auf die Arbeitsergebnisse und Stellungnahmen dieser Kommission. Die Plattform www.kita-gesundheit.de wurde als Informationsportal für pädagogisches Personal und Eltern aufgebaut.

Bereits 2015 wurde die Kommissionssprecherin dann erstmalig vom BMFSFJ eingeladen, um die sozialpädiatrischen Aspekte früher Betreuung vor der neu gegründeten Bund-Länder-Arbeitsgruppe darzustellen. Seitdem wurde sie über den "Expertendialog des BMFSFJ" in alle diesbezüglichen Prozesse einbezogen. Eine besonders intensive und vertrauensvolle Zusammenarbeit fand im sogenannten "Corona-Kita-Rat" statt, der sich aus Vertretern des Ministeriums, der Länder, der Träger, der Eltern, des RKI und DJI zusammensetzte. Ein großer Erfolg konnte verbucht werden, als die von der Sozialpädiatrie und Bündnis-Kommission ausgehende Empfehlung, pädagogisches Personal als "systemrelevant" einzustufen und prioritär gegen COVID-19 zu impfen, durch Vermittlung der davon überzeugten Ministerin Folge geleistet wurde.

In den Nationalen Aktionsplan des BMFSFJ "Gleiche Chancen für alle Kinder" mit dem Schwerpunkt "Bekämpfung von Kinderarmutsfolgen" konnten die Themen Investition in frühe Bildung und Zugangserleichterung für benachteiligte Kinder ebenfalls erfolgreich eingebracht
werden.

Aktuelle "Baustellen" und politische Perspektive

Zunächst ein Blick auf die Quantität: Am 19. 10. 2024 teilte das Institut der Deutschen Wirtschaft das Ergebnis seiner Analyse zur Betreuungsplatzsituation in Deutschland mit. Demnach fehlen derzeit etwa 306.000 Betreuungsplätze für unter 3-Jährige, d. h. 13,6 % aller Kinder dieser Altersgruppe. Im Bundesland Bremen fehlen am meisten, in Sachsen am wenigsten Plätze.

Von der vielfach beschworenen Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse kann also nicht die Rede sein. Insgesamt sei im Westen trotz sinkender Geburtenzahlen keine Abnahme des Bedarfs an Plätzen zu erwarten; den neuen Bundesländern wird empfohlen, freiwerdende personelle Ressourcen zur Verbesserung der Betreuungsrelationen einzusetzen.

Eine wichtige "Baustelle" ist der Fachkräftemangel. Am 21. 05. 2024 stellten BMFSFJ und JFMK das Empfehlungspapier zur "Gesamtstrategie Fachkräfte in Kitas und Ganztag" vor; es zeigt, wie dem Fachkräftemangel im Berufsfeld FBBE wirksam begegnet werden kann. Gleichzeitig wird datengestützt von einer hohen Attraktivität des Erzieherberufs berichtet; FBBE habe sich sogar als "Jobmotor" erwiesen. Besonders wichtig erscheint es, die bereits im System tätigen Erzieherinnen und Erzieher in geeigneter Weise zu unterstützen und ihr Attachment an den Arbeitsplatz zu stärken.

Die neue Regierung hat die Ministerien für Bildung und Familie zusammengeführt – diese Bündelung ist verheißungsvoll. Zudem hat die Ministerin Karin Prien angekündigt, sie wolle zum einen "Familien stärker machen", sie in ihrer Elternkompetenz adressieren und diese gleichzeitig in den Kitas gezielt fördern. Ein Vorbehalt besteht in der vorgeschalteten sprach- und muttersprachbezogenen Diagnostik. Inwieweit beim Ausbau der Förderung präventiv und systemisch angesetzt wird, bleibt abzuwarten. Immerhin sollen in den kommenden Jahren "Milliarden in die Kitas und Schulen" investiert werden, mit Geld, das vornehmlich aus dem Sondervermögen für die Infrastruktur kommt. Es bleibt zu hoffen, dass Quantität und Qualität der frühen Betreuung davon maßgeblich profitieren.

Es bestehen keine Zweifel daran, dass für künftige Funktions- und Zukunftsfähigkeit sowie Resilienz des FBBE-Systems folgende Voraussetzungen erforderlich sind:

  • weitestgehend einheitliche und verbindliche qualitative Standards mit
  • gesetzlicher Verankerung;
  • dauerhafte finanzielle Investitionen und
  • bessere Rahmenbedingungen insbesondere für die pädagogischen Fachkräfte.

Diese großen Herausforderungen sind zu stemmen. Für die weiteren Beratungen und Entwicklungsprozesse wird der Bericht der Arbeitsgruppe "Frühe Bildung" des BMFSFJ von März 2024 eine wichtige Grundlage darstellen.

Ökonomische Perspektive: Investitionen in FBBE lohnen sich

Schon 2010 und 2012 hat Catharina Spieß eine Rendite von bis zu 1:16 ermittelt; sie spiegelt sich in erfolgreicheren Bildungs- und Erwerbsverläufen der Kinder und damit in höheren Steuereinnahmen und geringeren Sozialausgaben für den Staat wider. Der Bund sei dabei der Hauptprofiteur. Das Prognos-Institut wurde vom JFMK und BMFSFJ mit einer Aufarbeitung des aktuellen Erkenntnisstands beauftragt. Einzelanalysen weisen eine niedrigeren return on invest aus, wobei die wenigen Betrachtungen in Deutschland nur kurze Zeiträume in den Blick nehmen und damit absehbare und deutliche längerfristige Effekte außer Acht lassen, wie Studien aus Österreich und dem UK bestätigen. Dass Investitionen in FBBE dazu beitragen, volkswirtschaftliches Potential besser auszuschöpfen, steht grundsätzlich außer Frage.

Mehrdimensionales Monitoring der Qualität und ihrer Effekte ist erforderlich

Vor diesem Hintergrund wurde das Institut pädquis beauftragt, eine "Machbarkeitsstudie zur Ansprache und Umsetzung eines bundesweiten Monitorings zur Prozessqualität" zu erstellen. Möglicherweise wird sich daraus eine Studie entwickeln, die als Qualitätserhebung nicht den Input, sondern den Output von Investitionen im Kita-Bereich fokussiert. Ähnlich wie im Gefolge der NUBBEK-Studie (Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit) könnten auf dieser Grundlage dann gezielte Weiterentwicklungsmaßnahmen angestoßen werden.

Das Deutsche Jugendinstitut hat im Januar 2023 sein Forschungsmagazin dem Thema "Frühe Bildung weiterentwickeln" gewidmet. Ein klares Plädoyer dafür wird gestützt durch Beiträge, die verschiedenste Perspektiven berücksichtigen. Für die Sozialpädiatrie sei hervorgehoben, dass die Bildungsgerechtigkeit und Inklusion hier einen hohen Stellenwert zugewiesen bekommen und Anregungen zur Verbesserung gegeben werden. Internationale Beispiele zu Betreuungsformen und -strukturen sind aufgeführt – mit dem Verweis auf eine Beschlussfassung des Rates der Europäischen Kommission (European Care Strategy) im Dezember 2022, dass "bis zum Jahr 2023 europaweit 45 % der unter 3-Jährigen und 96 % der Kinder ab 3 Jahren bis zum Schuleintritt an frühkindlicher Bildung und Betreuung teilnehmen" sollen. Für Staaten mit föderalistischer Struktur und mit deutlicher Trennung der Ressorts Bildung/Kindertagesbetreuung auf den Organisationsebenen stellt dies ohne Frage eine besondere Herausforderung dar. Zudem sind die familienpolitischen und gesamtgesellschaftlichen Ausgangssituationen sehr heterogen.

In der FBBE gibt es noch ungenutzte Chancen für systemisch ansetzende Prävention und frühe Förderung der Gesundheitskompetenz

Themen mit Gesundheitsbezug werden in den Kitas sehr unterschiedlich häufig angesprochen und verfolgt. Der ERiK-Survey (Entwicklung von Rahmenbedingungen in der Kindertagesbetreuung) des Deutschen Jugendinstituts hat gezeigt, dass Hygiene mit 63 % und Ernährung mit 36 % täglich "angesprochen" werden, Zahngesundheit z. B. aber nur noch in einem Viertel der Kitas. Aspekte der psychischen Gesundheit werden der Studie zufolge mit Abstand am seltensten adressiert (in 40 % der Kitas nie). Die interministerielle Arbeitsgruppe mutmaßt, dass es hier an einer entsprechenden Aus- und Fortbildung der Fachkräfte mangele und fordert, "dieses wichtige Thema in geeigneter Form in die frühkindliche Gesundheitsbildung zu integrieren". Sie verweist konkret darauf, dass gemäß § 20a SGB V Krankenkassen auch Maßnahmen im Setting Kita unterstützen können, die auf die "Stärkung von psychischen Ressourcen wie Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeit und Resilienz sowie von sozial-emotionalen Kompetenzen" ausgerichtet sind. Gerade in der Post-Corona-Zeit ist dieser Fokus bedeutsam.

Weitgehend ungenutzt erscheinen die Chancen, die sich aus einer frühen systematischen, präventiv orientierten und altersentsprechenden Gesundheitskompetenzförderung in der Kita ergeben. Wo sie erfolgt, erscheinen die Inhalte eher zufallsbestimmt und ohne große Verbindlichkeit zustande gekommen zu sein. Keineswegs soll dem pädagogischen Personal Engagement abgesprochen werden, dem häufig schon allein durch den Fachkräftemangel Grenzen gesetzt sind. Analog zur Schule könnten hier Gesundheitsfachkräfte als Teil multiprofessioneller Teams in den Einrichtungen wertvolle Arbeit leisten und gleichzeitig das pädagogische Personal für seine Kernaufgaben entlasten. Nicht zuletzt würden sich die Bedingungen für gelingende Inklusion und Teilhabe chronisch kranker Kinder weiter verbessern können. Perspektivisch sollten die Herausforderungen und Chancen einer solchen Implementierung auch in der Gestaltung des Offenen Ganztags berücksichtigt werden.



Literatur
Ausgewählte Literatur bei der Autorin oder unter dem Online-Artikel dieses Beitrages auf www.kinderaerztliche-praxis.de
Interessenkonflikt
Die Autorin erklärt, dass keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Beitrag bestehen.

Korrespondenzadresse
Dr. med. Ulrike Horacek MPH
Breisenbachstraße 51
44357 Dortmund
Tel.: 01 76/51 60 51 48
E-Mail: u.horacek@gmx.de
©DGSPJ
Auf folgender Website finden sich Arbeitsergebnisse und Stellungnahmen der "Kommission Frühe Betreuung und Kindergesundheit":
www.buendnis-kjg.de
Fachliche Empfehlungen für Betreuungsschlüssel
In Deutschland bestehen seit 2016 altersabhängig Empfehlungen für die Fachkraft-Kind-Relation. Für die Betreuung von Säuglingen bis zur Vollendung des 1. Lebensjahres gilt 1:2, für Kleinkinder bis zur Vollendung des 3. Lebensjahres 1:4 und für Kinder von 3 Jahren bis zum Schuleintritt 1:9.
Die DGSPJ-Empfehlungen von 2008 werden zusammen mit denen der American Academy of Pediatrics & American Public Health Association (2011) und denen der Deutschen Liga für das Kind (2020) immer wieder zitiert und gelten einvernehmlich als "Schwellenwerte".
Über 20 Jahre Engagement der DGSPJ im Bereich FBBE – ein Überblick
  • 2008: Erstes umfassendes Positionspapier zu Qualitätskriterien für die Betreuung unter 3-Jähriger (Kurz- und Langfassung), vielfach zitiert
  • Entwicklung eigener Empfehlungen zur Fachkraft-Kind-Relation, u. a. 1:2 für unter 1-Jährige, 1:4 für 1 bis 3-Jährige, 1:9 ab 3 Jahren
  • Gründung der Kommission "Frühe Betreuung und Kindergesundheit" unter Prof. Nentwich, kontinuierlich aktiv mit Beteiligung von DGKJ, BVKJ, KNW und BeKD
  • Aufbau der Website www.kita-gesundheit.de für pädagogisches Fachpersonal und Eltern
  • Einbindung in politische Prozesse:
Seit 2015: Beteiligung an der Bund-Länder-Arbeitsgruppe des BMFSFJTeilnahme am Expertendialog des BMFSFJ im Rahmen des QualitätsentwicklungsprozessesMitwirkung im Corona-Kita-Rat: Durchsetzung der Einstufung pädagogischer Fachkräfte als systemrelevant und mit Vorrang zu impfen
  • Einbringung sozialpädiatrischer Expertise in den Nationalen Aktionsplan "Gleiche Chancen für alle Kinder"
  • 2018: Beteiligung an der Pro-und-Contra-Debatte zur U3-Betreuung beim Kindermedizinkongress in Köln
  • Initiierung des Handlungsfelds Gesundheit, Ernährung und Bewegung im Kita-Qualitätsgesetz (2023/2024)
  • Begleitung des Qualitätsentwicklungsprozesses auf Bundes- und Länderebene, Aufbau eines Netzwerks mit DJI, Fachberatungen, Eltern- und Trägerverbänden
  • Unterstützung der Transformation des KiTaG zum bundesweiten Qualitätsgesetz
  • Frühzeitige Warnung vor Versorgungsdefiziten und Einsatz für niedrigschwelligen Zugang für benachteiligte Familien
  • Einbringen internationaler Perspektiven, u. a. durch Bezug auf EU-Ziele (European Care Strategy)
  • Kontinuierliches Engagement für frühzeitige Gesundheitsförderung in Kitas, insbesondere psychische Gesundheit und Resilienz bei Fachkongressen, durch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
  • Forderung nach multiprofessionellen Teams mit Gesundheitsfachkräften zur Entlastung des pädagogischen Personals und bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung der betreuten Kinder
Wesentliches für die Praxis . . .
Frühkindliche Betreuung in Deutschland: Status, Herausforderungen und Perspektiven
  • Rechtsanspruch und Realität: Seit dem 1. Lebensjahr besteht ein gesetzlicher Anspruch auf frühkindliche Förderung. Die Betreuungsquote für unter 3-Jährige lag 2021 bei nur 35 % – zu wenig, um dem Bedarf gerecht zu werden. Kommunale Unterschiede sind groß, Eltern klagen teils oder weichen auf private Lösungen aus. Besonders benachteiligte Familien bleiben oft außen vor – mit negativen Folgen für die Kindesentwicklung.
  • Ungleichheiten in der Nutzung: Die Inanspruchnahme hängt stark vom Erwerbsstatus ab: 92 % der Kinder erwerbstätiger Mütter besuchen eine Betreuungseinrichtung, aber nur 76 % der Kinder nicht erwerbstätiger Mütter.
  • Bedeutung der Qualität: Eine U3-Betreuung ist sinnvoll, wenn bestimmte Qualitätsmerkmale erfüllt sind. Das zeigt ein systematischer Review des Instituts für Psychosoziale Prävention (Uni Heidelberg, 2020). Der Bund investierte über das KiTa-Qualitätsgesetz 4 Mrd. Euro (2023/24) in vorrangige Handlungsfelder – darunter Gesundheit, Ernährung & Bewegung. Sozialpädiatrische Expertise floss maßgeblich ein.
  • Politische Entwicklungen: Mit der aktuellen Zusammenlegung von Bildungs- und Familienministerium verfolgt die Bundesregierung eine ganzheitlichere Linie. Geplant sind Milliardeninvestitionen in Kitas und Schulen – v. a. aus dem Sondervermögen für Infrastruktur. Der Bericht der AG Frühe Bildung (BMFSFJ, März 2024) bildet dafür eine wichtige Grundlage.

Literatur
1. Arbeitsgruppe Frühbetreuung der AG Säuglings-Kleinkind-Eltern-Psychotherapie (SKEPT) in der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten Deutschland e.V. (VAKJP) vom 7.3.2020: Aufruf zur Wende in der Frühbetreuung von Kindern
2. Bock-Famulla K, Berg E, Girndt A, Akko DP, Krause M, Schütz J (2023) Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme 2023. Bertelsmann-Stiftung (Hrsg.)
3. Nentwig-Gesemann I, Hurmaci A (2020) KiTa-Qualität aus der Perspektive von Eltern. Bertelsmann-Stiftung (Hrsg.) DOI: 10.11586/2020061
4. BMFSFJ (2024) Bericht der Arbeitsgruppe Frühe Bildung des BMFSFJ, März 2024: Gutes Aufwachsen und Chancengerechtigkeit für alle Kinder in Deutschland. Kompendium für hohe Qualität in der frühen Bildung. https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/alle-meldungen/schulterschluss-fuer-mehr-qualitaet-in-der-kindertagesbetreuung--237786 und https://www.fruehe-chancen.de/themen/qualitaetsentwicklung/ag-bericht
5. BMFSFJ (2023) Monitoringbericht 2023 des BMFSFJ nach § 6 Absatz 2 des Gesetzes zur Weiterentwicklung der Qualität und zur Verbesserung der Teilhabe in Tageseinrichtungen und in der Tagespflege ( KiQuTG) für das Berichtsjahr 2022; dazu auch: www.bmfsfj.de/kita-qualitaet
6. BMFSFJ (2024) Pressemitteilung vom 27.3.24: Schulterschluss für mehr Qualität in der Kindertagesbetreuung. Dazu auch: JFMK: Letter of intent zur Fortsetzung des gemeinsamen Qualitätsprozesses in der Kindertagesbetreuung.
7. Bündnis Kinder- und Jugendgesundheit e.V, www.buendnis-kjg.de, Stellungnahmen und Pressemitteilungen der Kommission Frühe Betreuung und Kindergesundheit:
• Zukunftssicherung durch hochwertige Kindertagesbetreuung, Pressemitteilung 5.3.2025
• Gleiche Gesundheits- und Entwicklungschancen für alle Kinder. Vier Vorschläge der Kommission. Berlin, Juni 2022
• Stellungnahme zum Referentenentwurf des Gesetzes zur Weiterentwicklung der Qualität und zur teilhabe in der Kindertagesbetreuung, 1.8.2024
• Eckpunkte zur Aufrechterhaltung der institutionellen Betreuung in Krippe, Kita und Kindertagespflege unter Pandemiebedingungen, 3.2.2021
8. Bundeselternvertretung der Kinder in Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege (BeVKi) (2023) Pressemitteilung zum Qualitätsentwicklungsgesetz mit bundesweiten Standards. Berlin, 14.11.2023 (info@bevki.de)
9. Espenhorst N et al. (2024) Kita-Bericht 2024 des Paritätischen Gesamtverbandes, 1 Aufl. Mai 2024; www.der-paritaetische.de
10. DGSPJ (2025) Neuer Bericht bestätigt: Frühe institutionelle Kinderbetreuung fördert Entwicklung – besonders Sprach- und Kognitionsentwicklung profitieren. Pressemitteilung vom 10.3.2025
11. DJI (2023) Entwicklung von Rahmenbedingungen in der Kindertagesbetreuung (ERiK) Zwischenbericht 2023. Projektlaufzeit 01.06.2019-31.12.2025
12. DJI Impulse (2023) Frühe Bildung weiterentwickeln. Wie es um die Qualität der Kindertagesbetreuung in Deutschland steht und welche positiven Beispiele es aus anderen Ländern gibt. Forschungsmagazin des Deutschen Jugendinstituts Ausg. 1/2023 (Nr. 130/131)
13. Van Huizen T, Plantenga J (2018) Do children benefit from universal early childhood education and care? A meta-analysis of evidence from natural experiments. Economics Education rev 66: 206-222
14. IFP Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz (2024) IFP-Projektbericht 44/2024. Handlungsfeld: Qualitäts- und Organisationsentwicklung: Was stärkt Kita-teams im U 3-Bereich? Ergebnisse der dritten IFP-Krippenstudie
15. IFP Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz (2024) Ergebnisse des aktuellen Berichts 1/24: https://www.ifp-bayern.de/imperia/md/content/stmas/ifp/projektbericht_44 - ergebnisse ifp-krippenstudie.pdf.
16. Kalicki B (2025) Veränderungen der Kindertagesbetreuung in den zurückliegenden 25 Jahren. Frühe Kindheit 1: 0624/0125
17. Kontroversen in der Sozialpädiatrie (2028) Horacek U: Pro U3 Betreuung in Kitas / Böhm R: Contra U3 Betreuung in Kitas. Kinderärztl Prax 89: 415-422
18. Kugler J (2023) Prävention und Gesundheitsförderung: Neue Herausforderungen der Gesundheitsförderung in Kindertageseinrichtungen nach der Pandemie. PUGE-D-23-00035
19. Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung. https://nifbe.de/fachbeitraege/beitraege-von-a-z. searchwords: pädagogische Qualität / Betreuungsformen/ qualitative Weiterentwicklung / NUBBEK
20. Paedquis- Kooperationsinstitut und Fröbelverband: https://kitaqualitaetsmonitor.de/studienergebnis. https://www.froebel-gruppe.de/aktuelles/news-single/artikel/froebel-und-paedquis-legen-studie-zur-kita-prozessqualitaet-vor 17.7.24
21. RKI (2024) Kindergesundheit in Deutschland aktuell (KiDA), Quartalsbericht der KiDA-Studie vom 28.11.2024
22. RKI (2019) Gesundheitsmonitoring: Partnerschaft, Elternschaft, Erwerbstätigkeit und selbsteingeschätzte Gesundheit in Deutschland und der EU – Ergebnisse des European Health Interview Survey (EHIS) 2. Journal of Health Monitoring 4/2019
23. Spieß C (2013) Effizienzanalysen frühkindlicher Bildungs- und Betreuungsprogramme- das Beispiel von Kosten-Nutzen-Analyse. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 16: 333-354
24. Zoch G (2020) Public childcare provision and employment participation of east and Weets German mothers with different educational backgrounds. J Eur Social Policy 30 (3): 370-385
25. Zoch G, Schober P (2018) Public Child-Care Expansion and Changing Gender Ideologies of Parents in Germany. J Marriage Fam 80 (4): 1020-1039

Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (1) Seite x-x