... für die Pädiatrie und darüber hinausFür die kindliche und die allgemein-menschliche Entwicklung ist nichts wesentlicher als das Spielen (Anm. d. Red.: hier handelt es sich natürlich um eine – dem Thema geschuldete – didaktisch-provokante Zuspitzung). In allen Kulturen wird gespielt, zu allen Zeiten wurde gespielt, alle Säugetiere spielen. Was ist nun aber Spielen und welche Bedeutung kommt ihm für die Sozialpädiatrie zu? Und welche Rolle spielt das Spielen für verschiedene Therapieformen, speziell bei der Konfliktbearbeitung, und überhaupt für die kindliche Entwicklung?

Eine wissenschaftliche Annäherung wird aus psychologischer, pädagogischer, soziologischer, anthropologischer und wirtschaftswissenschaftlicher (s. Spieltheorien) und moralphilosophischer Sicht versucht – und doch muss das Wesen des Spielens gespürt, erfahren werden, eben im Tun. Das Gemeinsame von Brettspielen, spielerischen Konstruktionen, Aktions-Gruppenspielen, Videospielen oder Puzzeln ist nicht ganz leicht zu erklären:

  • Das Spielen ist dem normalen Verwertungszusammenhang entzogen; es geht also primär nicht um die Sicherung der Lebensgrundlagen. Auch wenn die gewinnorientierte Marktwirtschaft das Spielen in manchen Bereichen okkupiert hat (man kann als Dart-, Poker- oder Tennisspieler viel Geld verdienen), liegen die Wurzeln des Spielens in der Regel sicher nicht im ökonomischen Verwertungszusammenhang. Sonst verliert das Spielen seine Unschuld.
  • Es geht um symbolische bzw. eigen-konstruierte Bedeutungen, Verhaltensweisen; Regeln können klar abgesprochen oder im Verlauf entwickelt werden.
  • Es gibt ein Ziel, das nicht außerhalb des Spiels liegt (oft geht es ums Gewinnen, aber auch das Fertigstellen eines Puzzle-Bildes ist ein Ziel).
  • Meist intrinsisch motiviert; ein spezielles Erleben des "In-der-Situation-Seins", eine Art Flow stellt sich ein, externe Störreize werden abgewehrt.
  • Häufig Wiederholungen oder wechselseitiges, aufeinander bezogenes Agieren.

Das ist wahrlich ein "weites Feld". Im Folgenden geht es um

  1. die Einordnung des Spielens in die menschliche Vorgeschichte und in die Historie bzw. die Kultur;
  2. die psychologische Bedeutung des Spielens, speziell in der kindlichen Entwicklung. Und die daran angelehnten Möglichkeiten, die Entwicklung anhand des Spielens zu beurteilen.

Evolutionäre Bedeutung und Entwicklung

Schon immer kümmerte sich der Hominide um die Lebenssicherung (Ernährung, Schutz, Brutsicherung) und zugleich ging es um die Stabilisierung der Gruppe, um gegenseitiges Groomen im Sinne von Fellpflege, dann auch um Small Talk und schließlich um spielerische Beschäftigung. Das Spielen gehört insofern wohl zu den anthropologischen Konstanten.

Der Ruhe-Grundumsatz des Homo sapiens ist mit etwa 3,5 ml/kg/min Sauerstoff niedrig (Hunde z. B. haben einen deutlich höheren Wert). Um in sein Steady-State zu kommen, braucht der Mensch neben der Verbrennung von Nahrung weitergehende Aktivitäten – zumindest in den gemäßigten Klimazonen. Da man früher nicht mehr als 4 – 5 Stunden jagen und sammeln musste, ergab sich die Notwendigkeit, in anderer Weise aktiv zu sein – u. a. eben spielerisch.

Auch die meisten Tiere spielen – zumindest Wirbel-/Säugetiere; und speziell die evolutionär jüngeren Spezies einerseits und die Heranwachsenden andererseits. Dies legt nahe, dass das Spielen überlebenswichtig war und ist. Besonders dann, wenn es viel zu lernen gibt, was mit einer langen Kindheit/Jugend korreliert ist (familiäres und kulturelles Lernen im Spielen). Ein zweiter Faktor scheint zu sein, dass die Spezies, die in Gruppen leben, besonders aufs Spielen angewiesen sind (soziales Lernen – u. a. im Hinblick auf die Stabilisierung in der Gruppe). Und schließlich wird das Spielen besonders dann wichtig, wenn die späteren Anforderungen/Umwelten variabel sind. Dann kann spielerisch Adaptation geübt werden. Eine fixe genetische Ausstattung kann dies nicht leisten.

Früher, als es noch kein Lego gab, war das Spielen stärker an die Materialien, an die Rahmenbedingungen des normalen Lebens gebunden. Gespielt wurde mit dem, was sich so finden ließ. Das Haptische stand im Vordergrund; und da der moderne Mensch in dieser Kontinuität steht, ist die sensorische Qualität des Tastens und Spürens und Hantierens speziell für die kindliche Entwicklung weiterhin von besonderer Bedeutung.

Die Handikap-Hypothese und das Spielen: Die Demonstration eines scheinbaren Handikaps (also einer Eigenschaft, die einerseits aufwendig ist, andererseits keinen Beitrag zum Managen des Lebens leistet) zeichnet denjenigen aus, der sich dies leisten kann und der Kapazitäten hat, die über die Lebenssicherung hinausgehen. Wer tanzen kann oder Kunst produziert, gute Geschichten erzählt oder eben spielt, zeigt diese Möglichkeiten – und wirkt so attraktiv. Warum hat der Pfau sein Rad "erfunden"?

Historisch kulturelle und soziologische Aspekte

Natürlich reflektieren die Spiele auch die Kultur und die gesellschaftlichen Verhältnisse. Im Mittelalter verteufelte die Kirche das Spielen. Gottes Plan und erfundene Regeln passen nicht zusammen – was wohl auch für den spielerischen Lustgewinn gilt. Die protestantische Ethik mit der Betonung von Arbeit und Leistung war ebenfalls dem Spielen nicht wohlgesonnen.

Der Homo ludens stellt einen Gegenentwurf zum Homo ökonomikus dar. Die Dominanz des Gewinnstrebens engt die Spielräume ein. Wer sich andererseits dem Spielen hingibt, kann die Aufmerksamkeit nicht auf die Ökonomie richten.

Einige Spiele zeigen konkret das alternative Herrschaftsmodell: Im Skat z. B. ist der König machtlos, der Bauer Trumpf. Auch im Schach ist der König ein armer Wicht. Diese Umkehr der Verhältnisse kann kompensatorisch, kathartisch – ggf. auch als subtile Rebellion verstanden werden – oder auch als konkrete Utopie; sie könnte ebenso – wie das Opium fürs Volk – als kontraproduktiv für gesellschaftliche Veränderungen angesehen werden, wenn die Kraft zur konkreten Umgestaltung durch spielerische Nebengleise "abgeleitet" wird.

Die kulturelle Prägung des Spielens zeigt sich auch darin, dass in tendenziell egalitären Kulturen eher kooperativ gespielt wird – im Gegensatz zu wettbewerbsorientierten Spielen in kompetitiven Gesellschaften. Insofern kann aus den archäologischen Spiel-Funden das gesellschaftliche Miteinander rekonstruiert werden.

Auf der allgemein-gesellschaftlichen Ebene kann der Rückzug ins Private, den man in repressiven Kulturen sieht, als eine "Flucht" verstanden werden, mit der Konstruktion von Nebenwelten – und eben oft auch eigenen Spielregeln.

Die Kunst ist ein Geschwister des Spielens. Die Wurzel des künstlerischen Schaffens liegt primär nicht in der basalen Sicherung des Lebensunterhalts. Die Kreation von Neben- und Anders-Welten kennzeichnet die Kunst; es geht um Potentialität, Anregungen, Ausdruck von Fantasie (eben wie bei den Geschwistern Traum und Spiel). Und natürlich ist die Kunst heutzutage auch in den Markt, die Ökonomie, eingebettet – was aber nicht ihrem Wesen entspricht.

Auch die Wissenschaften teilen zumindest eine Wurzel mit dem Spiel und der Kunst: Fortschritt kann es nur mit einem gewissen Maß an Freiheit, Probieren – eben spielerischen Versuchen – geben.

Auch das aktuelle ökonomische Netz, basierend auf dem Glauben an einen realen Gegenwert des Geldes ist eine Form des Als-ob-Spiels, eine Konstruktion, ein großes Glücksspiel, was nur trägt, wenn alle sich an die Regeln halten.

Psychologische Aspekte – weitreichend und evident

Sozialpsychologisch

Wer miteinander spielt, kann sich nicht bekriegen. Innerhalb einer Gruppe führt das gemeinsame Spiel zu einem übergeordneten Gemeinschaftsgefühl, einer Gruppenidentität.

Ein etabliertes Modell (eingesetzt z. B. bei Konflikten, etwa mit Mobbing in der Klasse) ist das Spielen, das ein klar definiertes, gemeinsames Ziel verfolgt und dabei einzelne Beiträge verteilt, die alle zum Erreichen des Zieles notwendig sind – und dann auch so wertgeschätzt werden. Beispiele: Wie bei einem Puzzle könnten z. B. Informationen einerseits über die Jugend, über die Berufstätigkeit, über die Familie, die gesellschaftlichen Verhältnisse etc. von Martin Luther King zusammengetragen werden und ergeben dann ein stimmiges Gesamtbild. Weiteres Beispiel: Die Einigung auf ein bestimmtes Theater-Thema und die darauf bezogene Rollenverteilung verkörpert beides: ein gemeinsames Ziel und unterschiedliche, dafür relevante Rollen.

Die angesprochene Gruppenidentität impliziert gleichzeitig eine potenziell stärkere Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen. Aus pädagogisch-didaktischen Gründen muss dann wieder gemischt werden: Die Adler-Gruppe baut also gemeinsam mit den Pumas das Camp auf ….

Entsprechend wird im Coaching, in verschiedenen Therapieformen und speziell bei der Konfliktbearbeitung, gespielt.

Individualpsychologisch

Der entwicklungspsychologische Aspekt ist evident: Im Spielen wird etwas eingeübt, das auch später Relevanz hat. Also geht es im Spielen auch (keineswegs nur) um Lernen: das Hantieren mit unterschiedlichen Materialien im Hinblick auf Konstruktionen; das Verstehen und Einhalten von Regeln; das Beachten der Rollen des anderen; die Erfahrung, in unterschiedliche Rollen schlüpfen zu können; die Akzeptanz von nicht gewünschten Effekten …

Die kindliche Entwicklung kann gut anhand des Spielverhaltens eingeschätzt werden. Die entsprechenden Meilen- und Grenzsteine sind in der Tabelle 1 dargestellt.

Das kindliche Spiel ist damit ein Mittel, um

  • die kognitive Entwicklung einzuschätzen,
  • um die sozialen Kompetenzen zu beurteilen,
  • und um einen Zugang zum familiären Feld zu finden (wie geht man miteinander um, welche Anregungen, besonderen Belastungen, Vernachlässigungen ggf. sind erkennbar) (Tab. 2).

Die konstruierte "Nebenwelt" kann kathartisch wirken. Frustrationen können gedämpft werden, Wunsch- und Machtvorstellungen finden Raum, Selbstbestimmung wird erfahren. Speziell die Selbstwirksamkeit ist ein zentrales Motiv des Menschen – und besonders der kindlichen Entwicklung. Eine Variante dieser Selbstwirksamkeit drückt sich in der magischen Phase aus, in der kindliche Gedanken Realität konstruieren und Ereignisse beeinflussen bzw. unbelebten Objekten Leben einhauchen können. Im Alter von 3 bis 6 Jahren ist das eine normale, wichtige Phase, zum Ausleben von Kreativität und die daran gebundene Entwicklung weiterer Kompetenzen.

Die Orientierung an Spielregeln spielt ab dem dritten, speziell dann in den folgenden Jahren eine große Rolle. Sie weist auf den für Homo sapiens spezifischen sozialen Konformitätsdrang, bzw. eben die Abhängigkeit von der Gruppe, hin. Dieser ist biologisch verankert und erfährt dann im Spiel seine weitere Konkretisierung. Das Wesen des Menschen ist das Soziale, also Kooperation und Kompetition, gemeinsame Brutpflege und Alltagsbewältigung. All dies drückt sich in der Kultur, in die Kinder hereinwachsen, aus. Hier treffen sich also evolutionäre Neurobiologie und Kultur. In der frühen Entwicklungsstufe geht es darum, dass Regeln, als Beispiel für soziale Normen, eingehalten werden, und dies wird auch aktiv eingefordert, wenn etwa ein Kind "anders" spielt. Erst später können Regeln dann als etwas Menschen-Gemachtes, und auch wieder Revidierbares verstanden werden.

Im Coaching und in der Therapie, z. B. bei der Trauma-Bewältigung, kann der Ausdruck im Spiel diagnostisch leitend sein und positive Wirkungen entfalten, auch in den verschiedenen Formen des Theater-Spielens.

Zuletzt soll noch auf die Verführung durchs Spielen, speziell im medialen Bereich, eingegangen werden. Die schon angesprochene Selbstwirksamkeit prägt diese Spielform und kann wie eine Droge wirken. Die entsprechenden Aspekte sind in der Tabelle 3 zusammengefasst.

Zusammenfassung und Schlussfolgerung

Die zentralen Motive des Spiels finden sich also in fast allen lebenswichtigen Bereichen. Sie sind ein Motor der phylogenetischen und individuellen Entwicklung. Es gilt, die entsprechenden Räume zu schaffen, zu erhalten und wertzuschätzen. In diesem Sinne kann die Pädiatrie, die Sozialpädiatrie, Eltern und Erziehende bzw. Unterrichtende informieren und unterstützen – und auch auf die Politik, die für die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zuständig ist, einwirken.


Korrespondenzadresse
PD Dr. Gerhard Niemann
Doblerstraße 27
72074 Tübingen
E-Mail: gerhard.niemann@outlook.com
Spielen ist wichtig! Spezies, die in Gruppen leben, sind besonders aufs Spielen angewiesen, auch für soziales Lernen, u. a. im Hinblick auf die Stabilisierung in der Gruppe.
Tab. 2: Kriterien des Spielens (Art des Spiels, bezogen aufs Alter)
  • Achten auf Variabilität (jemand der Klötzchen in einer ganz bestimmten Art und Weise immer wieder stapelt und in eine Garage stellt, ist beruflich schon mal festgelegt.)
  • Aufmerksamkeit, Ausdauer
  • soziale Signale: Blickkontakt, Eingehen auf die anderen; Perspektivwechsel …
  • Regel-Basierung (Verständnis; Eigensinn vs. Allgemeinheitsfähigkeit)
Tab. 3: Spiel und Medien (Fokussierung auf Gefährdungen)
  • rasches und in gewisser Weise auf den Spieler bezogenes "Feedback" = Suchtfaktor (Training des raschen, meist visuellen Reagierens, bis hin zur Gewöhnung)
  • Berechenbarkeit, Antizipierbarkeit = Form von Allmacht = potenzieller Suchtfaktor (Aktivierung des Belohnungssystems. Sucht: wenn übermächtiger Drang + soziale Auswirkungen)
  • Reduktion auf wenige Kanäle – (Haptisches, Kinästhetisches werden weitgehend ausgeklammert)
  • Einschränkung der sozialen Herausforderungen, des sozialen Lernens (Rückzug?)
  • Verwechselung von Spiel und Realität
  • Allgemein: Belegung von Zeit und Ressourcen, die für Anderes gebraucht werden
Exkurs in die Neurophysiologie
1. Die biographische Kurve des Spielens ähnelt der Verteilung des REM-Schlafs (Rapid-Eye-Movement-Schlaf), in dem speziell szenisch geträumt wird: Kinder viel, Erwachsene wenig REM-Schlaf. Wie im Spielen ist im REM-Schlaf der Realitäts-Abgleich aufgehoben oder reduziert. Das Offene, Fantastische bzw. Fantasie-Geleitete ist beiden gemeinsam. Im REM-Schlaf wird mit einem gespielt, im Spiel ist man Akteur. Das Moment des Ausprobierens weist auf die Bedeutung für Reifung und Entwicklung hin. Die Anpassung an die Realität, die Konkretisierung von Lernerfahrungen, dürfte mit zunehmendem Alter zu einer fixierteren neuronalen Verdrahtung führen – und damit den Nebenwelten im Traum und Spiel weniger Raum lassen.
2. Der mentale Zustand des Spielens drückt sich auch in einem besonderen zerebralen Aktivierungsmuster aus, bei dem bestimmte kortikale Areale, die für die Aufnahme bzw. die Reaktionsbereitschaft auf externe sensorische Stimuli zuständig sind, wenig aktiv sind.
In den letzten Jahren konnte ein neuronales Aktivitätsmuster identifiziert werden, das in einem ruhigen, entspannten, selbstbezogenen, nichtfokussierten Zustand auftritt (= Default-Mode-Network = Ruhezustands-Netzwerk). Die Aufmerksamkeit für externe Reize ist weitgehend ausgeschaltet. Von manchen wird dieser Zustand auch mit Tagträumen in Verbindung gebracht; er scheint dazu beizutragen, dass sich eine kohärente "innere" Erzählung ausbildet. Diese Aktivierungsmuster könnten Bedeutung für die psychische Balance haben; bei depressiven Störungen z. B. sind sie verändert.
Einiges erinnert an das sich selbstgenügende Spielen. Interessant wäre es, auch diese Aktivität in der biographischen Entwicklung zu untersuchen (mehr/andersartige Default-Aktivitäten bei Kindern?)

Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (2) Seite x-x