Projektbeschreibung
Das Modellprojekt KIZS-GENIAL (Kinder zusammen stärken – gesunde Entwicklung in allen Lebenslagen) wird seit April 2024 in unserer überörtlichen pädiatrischen Gemeinschaftspraxis in Gifhorn erprobt. Die Initiierung und Umsetzung des Projektes erfolgte mit Hilfe der Gesundheitsregion Niedersachen. Durch die Arbeit einer Gesundheitspädagogin als Lotsin kann in den Räumen der Kinderarztpraxis eine niedrigschwellige, patientenorientierte Beratung und Weiterleitung zu bereits bestehenden Hilfsstrukturen ermöglicht werden. Ziel des Projektes ist die Verbesserung der psychosozialen Versorgung der Familien, soziale Teilhabe sowie die Umsetzung von Präventionsketten und Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen.
Das Projekt richtet sich an Menschen mit geringer Chance auf eine gesunde Entwicklung sowie Familien in Problemsituationen und sozialer Ausgrenzung. Sie erreicht besonders Kinder und Jugendliche, die in Familien mit niedrigem Sozialstatus aufwachsen und/oder durch persönliche Hemmnisse nicht selbst den Zugang in das Netzwerk sozialer Hilfen finden.
Hintergrund
Die Studienlage ist eindeutig [1]: Kinder in ökonomisch schwachen Familien haben oft einen Gesundheitszustand, der signifikant schlechter ist als der von Kindern aus wohlhabenden Familien. Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien sind mehr als doppelt so häufig von psychischen Erkrankungen betroffen wie Kinder mit einem hohen sozioökonomischen Status [2, 3].
Insbesondere die Verschärfung der Gesundheitslage durch die Corona-Pandemie hat zu einer Erweiterung des bedürftigen Personenkreises geführt [4].
Psychosoziale Fragestellungen in der Arztpraxis nehmen deutlich zu und sind zeitaufwendig. Sie werden in der Kinderarztpraxis als eine zentrale, personell und organisatorisch aufwendige Aufgabe wahrgenommen. Identifikation der Ursachen und Lösungswege können durch Ärztinnen und Ärzte oft nicht effizient vermittelt werden, da deren Fokus auf medizinische Belange gerichtet ist. Häufige Arztkontakte binden ärztliche Ressourcen ohne nachhaltige Verbesserung der Situation für die Betroffenen. Eine qualifizierte Begleitung und Beratung ist fachlich und personell nicht bedarfsgerecht möglich, zudem kann eine nachgehende Fürsorge nicht ausreichend erfolgen.
Der Zugang zu den erforderlichen Hilfsstrukturen ist oftmals komplex, langwierig und nur mit hohem bürokratischem Aufwand realisierbar. Familien mit niedrigem sozioökonomischem Level, Sprachbarrieren, ungenügender sozialer Integration sowie bildungsferne Familien mit hoher psychosozialer Belastung durch Krankheit oder Gewalterfahrung stellen multifaktorielle Risikokonstellationen dar, die eine gesunde Entwicklung gefährden. Es bestehen Zugangsbarrieren, die das vorhandene Netz sozialer Hilfen für diesen Personenkreis nicht wirksam werden lassen. Die persönlichen Problemlagen der Kinder und Jugendlichen verschärfen sich, können unmittelbar oder später zu ernsthaften gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen, die dann mehr und kostenintensivere Maßnahmen erfordern sowie gesundes Aufwachsen verhindern.
Der unkomplizierte Erstkontakt von Familien zur sozialrechtlichen Beratung mit einer Sozialarbeiterin oder einem Sozialarbeiter im Rahmen eines Arztbesuches stellt eine direkte Verbindung zwischen den relevanten Akteuren des Gesundheitssystems dar, erleichtert die Akzeptanz einer Maßnahme, die fortlaufende Betreuung und die interpersonelle Kommunikation.
Infolge der Bedarfsermittlung und Erfolgskontrolle durch die Ärztin oder den Arzt wird ein frühes Erkennen von Fehlentwicklungen mit unmittelbarer passgenauer Versorgung durch vorhandene Hilfsstrukturen in jeder Lebensphase ermöglicht.
Projektziel
Kinder aller Altersstufen sollen mit ihren Familien erfolgreichen Zugang zu vorhandenen Hilfsstrukturen und Hilfsmaßnahmen erhalten. Durch gut akzeptierte regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen und spontane Kontakte in der Akutbehandlung entsteht eine vertrauensvolle Beziehung, die sowohl den Bedarf in der Familie erkennbar, als auch die Durchsetzung einer erforderlichen Hilfsmaßnahme möglich macht. Soziale Teilhabe und Chancengleichheit werden durch die Bildung von Präventionsketten verwirklicht.
Die Lotsentätigkeit bündelt ärztliche und soziale Kompetenz und führt zu einem effizienteren Einsatz von personellen und finanziellen Ressourcen im Gesundheitswesen und dem sozialen Hilfsnetzwerk. Es wird eine fachübergreifende Schnittstelle mit interprofessionellem Dialog ermöglicht.
Netzwerkarbeit als Kern des Projektes
Wichtiger Kern des Projektes ist die Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung innerhalb der Kommune. Dazu bedarf es eines starken persönlichen Engagements aller Akteure in den Hilfsstrukturen der Kommune und der freien Träger, also von Frühen Hilfen, Familienhebammen, Familienzentren, Erziehungsberatungsstellen, Ernährungsberatungen, SPZ, Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzten der Region, Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen; Vereinen, Jugendamt, Gesundheitsamt, Fachverbänden, Kassenärztlicher Vereinigung, Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte, GKV, RV und anderen.
Erste Ergebnisse
Überraschenderweise zeigt sich in unserer Praxis ein Bedarf für diese Versorgungsstruktur in allen Altersstufen und gesellschaftlichen Schichten mit verschiedensten Beratungsanlässen. Das Angebot wird von den Familien gerne angenommen und verbessert die psychosoziale Versorgung (Abb. 1 und 2). Durch die Lotsenarbeit konnte eine Datenbank mit aktuell 80 Akteuren des kommunalen Netzwerks erarbeitet werden, die Teil der Beratungen sein können. Aktuell wurden über 100 Familien mit Hilfe der Lotsin betreut.
Ein Blick in die Zukunft
Die Problematik liegt grundsätzlich bundesweit vor und wird in den Regionen unterschiedlich gehandhabt. Motivation und Kapazität der Arztpraxen sowie der beteiligten Akteure sind entscheidend. Dazu gehören vorhandene kommunale Strukturen, finanzielle Situation der Kommune, demographische Struktur, Ärzteversorgung. Grundsätzlich wird eine Verstetigung und Übernahme des Versorgungskonzeptes in die Regelversorgung interessierter Kinderarztpraxen angestrebt. Mögliche Finanzierungswege sind die SGB V-unterstützte Finanzierung durch Beteiligung der Leistungsträger (GKV, RV) oder als krankenkassenübergreifendes Modellprojekt. Auch eine Anschlussfinanzierung durch die Kommune oder einen freien Träger ist denkbar. Die erfolgreiche Verstetigung würde in Niedersachsen und im Bundesgebiet auf große Zustimmung aus den kinder- und jugendärztlichen sowie den sozialpädiatrischen Berufsgruppen treffen. Vorbilder für eine bereits etablierte Versorgung bestehen bereits in Freiburg, Berlin und NRW. Durch wissenschaftliche Evaluation erfolgt eine Strukturierung der Anforderungen für einen größeren Verstetigungserfolg. Die Entwicklung von best practice mit Erfahrungsaustausch ähnlicher Modelle bundesweit sowie die Veröffentlichung eines Abschlussberichtes ist geplant.
- niedrigschwellig, einfach für alle Altersstufen verfügbar
- nicht stigmatisierend, in vertrauter Umgebung, patientenorientiert
- situationsorientiert: geringer Aufwand für hoch belastete Familien
- lösungsorientiert mit kurzen Kommunikationswegen der Akteure, nachhaltig
- Kinder und Jugendliche aller Altersstufen
- ökonomisch schwache Familien mit eingeschränkten Ressourcen (Sprachbarrieren, begrenzte finanzielle Mittel, mangelnde Integration, bildungsferne Familien, niedriger Sozialstatus)
- Familien mit hohen Belastungsfaktoren (Familien mit mehreren (erkrankten) Kindern, Alleinerziehende, selbst erkrankte Eltern, Trauma-Erfahrung)
Altersgruppe A 0 bis 2 JahreAltersgruppe B 3 bis 5 JahreAltersgruppe C 6 bis 9 JahreAltersgruppe D 10 bis 13 JahreAltersgruppe E 14 – 17/18 Jahre◼Psychosoziale Belastungssituationen in der Familie◼Ernährung◼Unterstützung bei der Suche nach Bewegungs- und Freizeitangeboten◼Kindergarten◼Schulprobleme◼Organisation vonFachärzten und Therapeuten◼Organisation des Förderbedarfs
Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (1) Seite x-x
