Liebe Eltern,

seit einiger Zeit wird heftig über die Stadtbild-Aussage unseres Bundeskanzlers Friedrich Merz vom 14. 10. 2025 diskutiert. Die Aussagen von ihm haben viele Menschen verletzt und frustriert, seine zusätzliche zweite Äußerung vom 20. 10. 2025 mit der Aufforderung, doch mal die eigenen Töchter nach deren Sicherheitsgefühl zu fragen, hat dies noch einmal verstärkt.

Seine Auffassung, dass Migranten pauschal eine Gefährdung der Sicherheit – vor allem in den Abendstunden – darstellen, teile ich überhaupt nicht. Es gibt aber gerade in größeren Städten in manchen Vierteln durchaus Straßen und Plätze, in denen verschiedene Personengruppen das Straßenbild derart prägen, dass die dortigen Anwohner, Passanten und Migranten diese Gegenden nur mit einem mulmigen Gefühl betreten. Zu diesen Personengruppen gehören auch Deutsche, die im sozialen Abstieg hoffnungslos hängen geblieben sind. Zudem halte ich die Sichtweise von Merz auf "erfolgreiche Rückführungsquoten" – als ob Migranten mit Gefährdern gleichzusetzen seien – für sehr problematisch. Auch die Bewertung, dass Migranten für den Arbeitsmarkt benötigt werden, reduziert Menschen zu einem wirtschaftlichen Faktor und entmenschlicht diese so.

Auch ich bin für eine Verbesserung des Stadtbildes. Aber Leerstand beim Wohnungsmarkt, zu hohe Mietpreise, Schließungen von Geschäften, Betonwüsten statt Stadtbegrünung, defensive Architektur zur Verprellung Obdachloser, Unterfinanzierung von Bildungseinrichtungen, Mangel an Fachkräften oder Mangel an Kinderbetreuungsplätzen sind nicht von den Migranten verursacht, sondern Folge der Wirtschaft und der gewinnorientierten Strategien der Kapitalmärkte. Dies führt seit Jahren dazu, dass die soziale Schieflage zwischen den reichen und den armen Haushalten immer größer wird. Probleme werden zwar angesprochen, werden aber kaum sachorientiert – mit gegenseitigem Respekt und ohne Polemik – gelöst.

Mir geht es um die menschliche und emotionale Seite bei dieser Diskussion. Seit Jahren empfinde ich Familien mit Migrationshintergrund als wundervolle Bereicherung. Ich schätze die damit verbundene Vielfalt in Sprache, Kultur, Kulinarik und den Denkweisen sowie den Fähigkeiten eines jeden von Ihnen. Ich habe einen großen Respekt vor Ihrer Lebensgeschichte und der Ihrer Familien. Sie alle sind ein selbstverständlicher und geschätzter Teil der Gesellschaft, in den Kindergärten, den Schulen und anderen Ausbildungsbereichen – als Mitarbeitende oder Vorsitzende. Sie sind wichtige Personen in Sport- und Kulturvereinen, als Nachbarn oder Geschäftspartner.

Sie sind Eltern, die das Beste für ihr Kind wollen, und die alles geben, um ihm eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Sie begleiten Ihre Kinder durch alle Höhen und Tiefen des Heranwachsens.

Ich hoffe, dass Ihr innerer Schmerz, der durch die Aussage von Merz entstanden ist, sich abmildern lässt und hoffentlich zeitnah verschwindet, wenn Sie auf die überwiegend positive Willkommenskultur Ihrer deutschen Mitmenschen schauen.

Meine Hoffnung ist nun, dass diese Mehrheit der Deutschen den Familien mit Migrationshintergrund in Zukunft noch mehr beisteht, Sie als Menschen sieht und wertschätzt. Und Ihnen vermittelt: Sie sind nicht allein, bleiben Sie sichtbar!

Ihr Kinder- und Jugendarzt
Dr. Markus Landzettel, Darmstadt


Quellen
1. https://www.deutschlandfunk.de/kanzler-merz-stadtbild-kommentar-100.html
2. https://www.dw.com/de/stadtbild-friedrich-merz-t%C3%B6chter-frauen-migranten-kriminalit%C3%A4t-v2/a-74445654
<caption>Dr. med. Markus Landzettel ist seit 1998 in einer pädiatrischen Gemeinschaftspraxis in Darmstadt niedergelassen, ist Obmann des kinder- und jugendärztlichen Notdienstes und hat einen Lehrauftrag an der Pädagogischen Akademie in Darmstadt. Er hat 3 Kinder.</caption>

»Seit Jahren empfinde ich Familien mit Migrationshintergrund als wundervolle Bereicherung.«

Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (1) Seite x-x