Das übergeordnete Ziel sozialpädiatrischer Arbeit ist, Kinder mit Beeinträchtigungen darin zu unterstützen, sich als erfolgreich handelnde Menschen zu erleben – mit der Perspektive auf ein möglichst selbstständiges, zufriedenes und partizipatives Erwachsenenleben.
Visuelle Funktionen beeinflussen viele Aktivitäten in den neun Lebensbereichen der ICF. Einschränkungen der Refraktion, der Sehschärfe, der binokularen Zusammenarbeit oder der zerebralen visuellen Verarbeitung können dazu führen, dass Kinder Aufgaben vermeiden, rasch ermüden oder als unaufmerksam bzw. motorisch ungeschickt wahrgenommen werden. Unentdeckte Sehbeeinträchtigungen stellen auch relevante Stolpersteine in Diagnostik und Therapie dar.
Im Sinne eines teilhabeorientierten Ansatzes bedarf es einer funktionalen und alltagsbezogenen Betrachtung visueller Leistungen. Sehbedingungen sollten nicht isoliert, sondern als Bestandteil der gesamten Handlungsbedingungen eines Kindes betrachtet werden – eingebettet in die Diagnostik in einem sozialpädiatrischen Kontext.
Was ist Seh-Lotsen-Beratung im SPZ?
Die Zuweisungen zur Seh-Lotsen-Beratung erfolgen meist aufgrund folgender Fragen:
- Der Augenarztbefund ist unauffällig, dennoch scheint das Kind nicht richtig zu sehen – woran liegt das?
- Das Kind kooperiert nicht im Rahmen der augenärztlichen Untersuchung – wie oder was sieht dieses Kind?
- Sind die Verhaltensauffälligkeiten des Kindes auf eine Sehbeeinträchtigung zurückzuführen?
- Was soll ich auf Grundlage auffälliger Befunde im FEW-3 für den Alltag und die Therapie des Kindes empfehlen?
- Wie kann das Kind gefördert werden?
Die funktionale visuelle Diagnostik kann wegweisende Hinweise auf einen Versorgungsbedarf liefern, indem sie das visuelle Verhalten und Handeln im Alltag in den Mittelpunkt stellt: Wie verhält sich das Kind bei visuellen Anforderungen? Welche Tätigkeiten sind besonders anstrengend? Lassen sich Schwierigkeiten durch Hilfsmittel oder Umweltanpassungen reduzieren?
In dieser Perspektive betrachtet die Seh-Lotsen-Beratung das Verhalten des Kindes als diagnostischen Schlüssel – anstelle eines "Störfaktors".
In der Seh-Lotsen-Beratung werden Sehtests verwendet, um die Bildqualität der kleinen Patienten zu messen, auch bei Kindern ohne Lautsprache oder mit komplexen Beeinträchtigungen. Zeigt das Kind bei visueller Anforderung Anstrengungszeichen, werden Veränderungen der Sehbedingungen erprobt und daraus Empfehlungen für Adaptationen abgeleitet.
Hierbei wird manchmal durch ein ganzes Netzwerk an "Seh-Fachkräften" gelotst. Besonders wichtig ist dabei der enge Austausch mit Fachkräften aus Augenheilkunde, Orthoptik und Sonderpädagogik.
Bereits einfache Umweltanpassungen können die Zugänglichkeit von visuellen Angeboten deutlich verbessern. Neben der Frage, ob das Kind eine Brille benötigen könnte, gelten fünf grundlegende Faktoren als besonders wirksam: Vergrößerung, Kontrast, Beleuchtung, Reduktion von Komplexität und eine geeignete Platzierung (Abb. 1 und 2).
Die Indikation zu therapeutischen oder pädagogischen Maßnahmen ergibt sich also nicht primär aus Testergebnissen, sondern aus alltagsrelevanten Teilhabeeinschränkungen. Ziel der Beratung ist es, erfolgreiche Handlungserfahrungen zu ermöglichen und Selbstwirksamkeit zu stärken.
Wie stark visuelle Beeinträchtigungen Teilhabe beeinflussen können, zeigt der Bericht eines 13-jährigen Jugendlichen mit Zerebralparese. Er beschreibt, dass er vorhandene Hilfsmittel zwar benötigt, diese jedoch im Unterricht häufig nicht nutzt, um den Ablauf nicht zu stören. Gleichzeitig berichten Eltern von erheblicher Ermüdung, Motivationsverlust und dem Gefühl, dass Schule primär als Belastung erlebt wird. Dies macht deutlich: Teilhabebezogene Beratung macht es erforderlich, die visuellen Funktionsstörungen zu erfassen und dann Handlungspläne zu formulieren, die Alltagsbedingungen berücksichtigen.
Hintergrund und Ziele der Weiterbildung
2017 wurde die erste Seh-Lotsen-Sprechstunde im SPZ der Klinikum Dortmund gGmbH gegründet. Seitdem erforscht eine wachsende interprofessionelle Arbeitsgruppe unter Beteiligung der Hochschule Bochum und der DGSPJ, wie sehbezogene Beratung in einem SPZ gestaltet werden kann.
Mit dem zentralen Ziel, die Erkenntnisse aus dem Dortmunder Modell so aufzubereiten, dass bundesweit ähnliche, wohnortnahe Angebote für Familien entstehen können, förderte die Waldtraut und Sieglinde Hildebrandt-Stiftung seit 2022 die Einrichtung der kooperativen Stiftungsprofessur Rehabilitationswissenschaft im Schwerpunkt Sehbeeinträchtigung im Kindes- und Jugendalter an der Hochschule Bochum.
Mithilfe der Fördermittel des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) im Rahmen der DATIpilot-Innovationssprints sowie der Ilse-Palm-Stiftung erfolgte 2024 – 2026 die "Pilotierung einer wissenschaftlichen Weiterbildung für Seh-Lotsende".
12 SPZ-Mitarbeitende der Fachrichtungen Kinder- und Jugendmedizin, Neuropsychologie, Ergotherapie, Pflege und Heilpädagogik durchliefen einen Pilot-Kurs (Abb. 3). Die 12 Leitungen der SPZ wurden parallel zu Implementierungsbedingungen einer sehbezogenen Beratung in ihren SPZ befragt. Ab September 2026 wird mit Hilfe des Zertifikatskurses der nachhaltige Kompetenzaufbau innerhalb interdisziplinärer Teams im SPZ ermöglicht.
Das Angebot wird in Kooperation der Hochschule Bochum, der Klinikum Dortmund gGmbH sowie des Fachausschusses Fort- und Weiterbildung der DGSPJ durchgeführt und in den Folgejahren evaluiert und weiterentwickelt.
Die Weiterbildung kombiniert Präsenz- und Onlineformate, Hospitationen, Fallsupervisionen und eine Praxisphase im jeweiligen SPZ. Die Teilnehmenden erlernen die Beobachtung des funktionalen Sehens auf Basis eines einheitlichen Untersuchungsgangs (Abb. 5). Grundlage bilden Materialien, die im Rahmen des Pilot-Kurses entwickelt wurden: Instruktionen zur funktionalen visuellen Diagnostik, ein umfangreiches digitales Handbuch, Anleitungen zum Verstehen von augenärztlich-orthoptischen Befunden, strukturierte Befund- und Berichterstellung, systemische Beratung, ein MRT-Atlas des visuellen Systems und zahlreiche Lehrvideos (Abb. 4). Die digitalen Fallsupervisionseinheiten während der zehnmonatigen Praxiszeit sind ein zentraler Baustein des Zertifikatskurses.
Künftige Vorhaben und Maßnahmen
In einem Mehrklang aus Weiterbildung, Evaluation der Weiterbildung und der Effekte der sehbezogenen Beratung sowie der registerbasierten Erfassung von Patientendaten wird die wissenschaftliche Begleitung ein wesentlicher Stützpfeiler der weiteren Entwicklung bleiben. Wichtige künftige Aufgaben sind die Vernetzung mit anderen Fachgesellschaften, der wissenschaftliche Austausch und die Entwicklung neuer Kurse – für Fachkräfte aus Reha- und Sonderpädagogik, Psychologie und den therapeutischen Berufen.
Zusammenfassung und Ausblick
Kinder und Jugendliche mit Entwicklungsstörungen und neurologischen Erkrankungen weisen häufig teilhaberelevante Sehbeeinträchtigungen auf. Bleiben diese unentdeckt, können sie die Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten sowie die Teilhabe eines Kindes erheblich beeinträchtigen.
Visuell kompetente SPZ-Mitarbeitende erfassen und beschreiben die Sehbedingungen von Kindern systematisch. Sie können das Sehvermögen alltagsbezogen einschätzen, Versorgungslücken aufdecken und die Brücke zur Augenheilkunde und Orthoptik sowie zur Sonderpädagogik stärken.
2024 – 2026 wurde der Zertifikatskurs "Visuelle Kompetenzerweiterung in Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ)" mit SPZ-Mitarbeitenden und SPZ-Leitungen entwickelt und wissenschaftlich begleitet. Ab September 2026 wird der Kurs eine nachhaltige Implementierung visueller Kompetenzen in SPZ ermöglichen.
Wesentliches für die Praxis . . .
- Verstehen und Integrieren von Befunden aus Augenheilkunde und Orthoptik
- Funktionale, alltagsbezogene Diagnostik des Sehvermögens
- Enge Vernetzung mit Augenheilkunde, Orthoptik und Förderschulen
- Analyse der Förderfaktoren und Barrieren in der sozialen und materiellen Umwelt
- Erstellung eines Handlungsplans und Begleitung der Familien und Fachkräfte bei der Umsetzung
Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (3) Seite x-x
