Schon viel erreicht, aber noch längst nicht genug (Teil 2)Seit 2019 beraten wir jede Woche Lehrkräfte an Berliner Grundschulen. Wir arbeiteten uns gemeinsam durch eine schwierige Zeit der Pandemie, probierten viel miteinander aus und lernten viel voneinander. Welchen Nutzen hat das Projekt für die Lehrkräfte? Was haben wir bisher erreicht?Mitarbeitende des Sozialpädiatrischen Zentrums im Vivantes-Klinikum im Friedrichshain beschäftigen sich seit mehr als 5 Jahren sehr intensiv mit schulischer Inklusion. Schon viele Jahren zuvor merkten wir in unserem SPZ, dass wir nur dann hilfreich für Kinder und Jugendliche sein können, wenn wir uns über die medizinisch-therapeutische Zuwendung hinaus zusätzlich mit ihrem sozialen Lebensraum vernetzen und ihn in unsere Arbeit einbeziehen. Die Schule ist dabei besonders wichtig. Deshalb sitzen wir regelmäßig mit Lehrerinnen und Lehrern, Eltern und (je nach Alter) Patientinnen und Patienten selbst zusammen. Wir besprechen, wie ein bestimmtes Ziel erreicht werden kann und wie sich Hindernisse aus dem Weg räumen lassen. Dadurch haben wir viel über Schule gelernt.

Warum wir "Fans von Inklusion" wurden

Gelernt haben wir auch, dass Kinder und Jugendliche, die inklusiv beschult werden, schneller bestimmte Alltags- und Sozialkompetenzen erwerben als Gleichaltrige in Förderzentren. Das überrascht kaum: Sie schauen sich bestimmte Dinge von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern ab oder bekommen sie von diesen beigebracht. Zugleich profitieren auch die Schülerinnen und Schüler ohne Förderschwerpunkte: Sie erwerben andere und spezifischere soziale Kompetenzen und lernen ein sehr selbstverständliches Miteinander. So wurden wir "Fans von Inklusion" – aus dem praktischen Erleben heraus und nicht nur, weil diese in der UN-Behindertenrechtskonvention gefordert wird.

Bei unseren Fachaustauschgesprächen erlebten wir viele dankbare Lehrerinnen und Lehrer. Dankbar deshalb, weil wir oft eine konkrete Beratung für ein konkretes Problem anbieten konnten und weil es Folgetermine gab, in denen diese "Lösungen" auf den Prüfstand gestellt wurden. Hatten sie funktioniert oder nicht? Dankbar auch, weil durch die Vernetzung manchmal Hilfe von "außen" (außerhalb der Schule) kam und die Lehrerinnen und Lehrer damit entlastet wurden.

Ausweitung auf 12 Berliner Grundschulen ...

Daraus entstand die Idee, diese Art von Zusammenarbeit intensiver zu gestalten. Ein zentraler Gedanke war es dabei immer, dass die Beratung vom Kind und seinen Bedürfnissen ausgeht. Dieses soll möglichst zufrieden, fröhlich und sozial gut integriert zur Schule gehen. Weil wir wissen, dass dafür eine Unterstützung von pädagogischer Seite grundlegend ist, schrieben wir Berliner Grundschulen an und fragten sie, ob sie zwei Jahre lang eine wöchentliche Begleitung wünschten. In Frage kamen dafür Klassen mit mindestens zwei inklusiv beschulten Kindern. Die Schulen wollten das. Und das Wunderbare war: Die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie wollte es auch und bot uns eine Finanzierung an. Seit 2019 beraten wir jede Woche Lehrkräfte an Berliner Grundschulen. Wir arbeiteten uns gemeinsam durch eine schwierige Zeit der Pandemie, probierten viel miteinander aus und lernten viel voneinander. Nach den zwei Jahren fragten wir die Lehrkräfte, welchen Nutzen das Projekt für sie hatte – was sie sowohl für sich persönlich als auch für die Schule insgesamt mitgenommen haben.

... mit ausgesprochen positiver Resonanz

Sie sagten Folgendes:

"Inklusion ist nicht nur Unterricht in Mathe und Deutsch, sondern auch ein gemeinsames Klassenfrühstück – mal über den Tellerrand schauen und soziale Kompetenzen fördern."

"Der kontinuierliche Austausch war wichtig – dass jede Woche jemand kam und man gemeinsam ausprobieren konnte – mit einem Kind über eine lange Zeit."

"Ich möchte noch mehr Menschen für Inklusion in der Schule begeistern – weil es hilfreich ist und entlastet."

"Wir brauchen mehr schulinterne Gremien und Kommunikation oder müssen diese schlichtweg wieder ins Leben rufen – aber uns auch mit anderen Schulen vernetzen."

"Ich möchte in Zukunft nicht nur Konferenzen innerhalb der Schule machen, sondern mehr Austausch mit anderen haben, die das Kind außerhalb der Schule kennen, und auch die Therapeutinnen und Therapeuten mit einbeziehen."

"Je vielfältiger der Austausch, desto fruchtbarer ist die Zusammenarbeit."

Aus diesen zahlreichen Gründen machen wir weiter. Insgesamt 12 Berliner Grundschulen haben wir in den letzten Jahren beraten. Das ist viel für uns, aber viel zu wenig für die Verbesserung der Inklusion an Schulen insgesamt. Deshalb haben wir aufgeschrieben, was hoffentlich auch für andere – insbesondere auch Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte – nützlich ist.


Korrespondenzadresse
Dr. med. Ute Mendes
Sozialpädiatrische Zentrum Friedrichshain
Landsberger Allee 49
10249 Berlin
Tel.: 0 30/1 30 23-15 45
E-Mail: ute.mendes@vivantes.de
Unser Buch finden Sie hier: https://friedafriedrichshain.org
Wir haben gelernt, dass Kinder und Jugendliche, die inklusiv beschult werden, schneller bestimmte Alltags- und Sozialkompetenzen erwerben als Gleichaltrige in Förderzentren.

Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (1) Seite x-x